Und zum Abschluß: Entdeckungen und Gediegenheit

Kammerabend des Tonkünstlervereines der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Es war eines jener Wochenende, an denen man sich hätte zerteilen können: Olga Scheps, Xavier de Maistre, das Minguet-Quartett, Martin Stadtfeld – sie alle waren in Dresden oder der Umgebung. Dazu ein Absolventenabend an der Musikhochschule, die deutsche Erstaufführung Georg Katzers »Medea« sowie ein Kammernachmittag mit Peter Rösel (die Neuen (musikalischen) Blätter waren da, die Rezensionen folgen) und ein Kammerabend der Staatskapelle. Letzterer als goldener Abschluß.

Schon der Programmzettel versprach viel: Werke für Triobesetzungen mit Klavier, Violine und Horn. Wer Johannes Brahms‘ Werk kennt und es liebt, mußte da eigentlich kommen. Dazu Robert Schumanns Fantasiestücke op. 73 sowie vor der Pause je ein Trio Charles Koechlins und György Ligeti. Diese beiden multiplizierten das besondere der Besetzung noch durch Komponisten, die man nicht zu jedem Konzertabend erleben kann.

Am fünften musikprallen Tag bzw. Abend könnte man vielleicht ermüden, Spannungen merken (zumindest in den Schultern, in den Ohren bitte nicht!), doch war jeder Anflug, jeder Hauch solcher Erscheinung mit dem Beginn Charles Koechlins Trios weggeweht. Das um die Jahrhundertwende, der sogenannten »Belle Epoque« entstandene Stück atmet wohl den Geist Johannes Brahms‘ und Robert Schumanns, ist aber hinsichtlich seiner musikalischen Ideen und der Gestaltung so eigenständig, daß sich weder der Eindruck offensichtlicher »Anleihen« noch fehlender Modernität ergibt. Aufs innigste mit der Naturromantik scheint das Werk verbunden, vermittelt Frische, vor allem Weite. Paul Rivinius am Klavier sowie die beiden Kapell-Musiker Matthias Wollong (Violine) und Jochen Ubbelohde (Horn) vertieften sich in dieser Klangsprache und gestalteten musikalische Sinnbilder. Auch wenn dem Klavier teilweise durch Akkorde und melodische »Wellen« nur die Rolle des Begleiters zukommt, von nicht ansprechender Schlichtheit waren die drei Musiker weit entfernt. Das Werk endet untypisch und überraschend mit einem Scherzando, in dem Jochen Ubbelohde Töne zwischen Alphorn und Jagdscherz imitierte.

Ganz anders dann Ligeti, der – zuweilen ein Schelm der Musik – nicht davor zurückgeschreckt ist, den Blechbläser als Nebelhorn einzusetzen. Das Stück beginnt für alle drei Solisten mit minimalistischen Tönen, Motiven, die zunehmend zu Tonsprüngen wachsen. Da darf das Horn auch einmal frei »rufen«, bevor es mit Dämpfer den gedämpften Klang der Kollegen kreuzt. Der zweite Satz war wohl der Höhepunkt des Abends, geradezu wild wird hier die Musik (übrigens ohne Taktstriche) und fordert von den Spielern alles (oder noch mehr). Darin ist alles: das gegenseitige necken, imitieren der drei Musiker, zyklische Tonleitern, die sich endlos zu wiederholen scheinen, vollkommen unabhängig scheinen die Stimmen, und doch macht nicht jeder »seins«, gehören sie zusammen. Alles türmt sich, ein Strudel, Wirbel, der plötzlich befreit wird – aufatmen. Der letzte Satz bekommt Weite, fast wie bei Koechlin, doch hat György Ligeti wieder das Schiffshorn eingesetzt, bis sich zum Schluß alle Töne aufzulösen scheinen. Solch grandiose Musik derart packend vorgetragen krönte die musikalischen Erlebnisse der letzten Tage.

Da bliebt dann nur noch, sich zurückzulehnen – nein, nicht, um sich »berieseln« zu lassen. Denn auch die beiden prächtigen Schlußstücke sind viel zu schade, um einfach hingespielt oder hingehört zu werden. Diese Geschmeidigkeit, dieser Klangglanz, egal, ob in den Fantasiestücken für Klavier und Violine oder in Brahms‘ Trio, berührte ungemein.

13. April 2015, Wolfram Quellmalz

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