Liedernachmittag mit zwei Singstimmen

Am Anfang war die Idee, wieder einmal ein Liedkonzert Robert Schumann zu widmen. Denn gerade seine Lieder, welche durch Interpretationen des aus der Region stammenden Peter Schreier stark geprägt wurden, sind zur Zeit nicht so oft zu hören. Schubert – natürlich, Hugo Wolf – auch, sogar Chansons sind in Mode gekommen – Liederabende, die Robert Schumann in den Mittelpunkt rücken, sind dagegen seltener. Matthias Stier war beim »Lied in Dresden« zu Gast, 2012, auch schon ein Weilchen her…

Aus der Idee wurde ein Konzert: am Sonntagnachmittag in der Stadtkirche Dippoldiswalde, wohin die »Meisterinterpreten« aus den Parksälen brandschutzbedingt vorrübergehend (wohl noch bis zum Sommer) ausweichen müssen. Mit Benjamin Bruns hatte man auch gleich einen besonders hell glänzenden Stern vom Opernhimmel ins Osterzgebirge geholt, der an vielen großen Häusern zu Gast ist. In Wien fest engagiert, singt er dort Tamino und Don Ottavio, war als Steuermann des Holländers in Bayreuth und im Herbst in Dresden als Graf Elemer zu erleben. Mit Johannes Wulff-Woesten stand ihm nicht nur ein Vertrauter, sondern ein versierter Sängerbegleiter zur Seite.

Beide Musiker hatten die Zeit einer Einspiel- und -singprobe gut genutzt und wußten mit dem Nachhall der Kirche nicht nur umzugehen (Tempi reduzieren, auszugleichen), sie setzten ihn auch entsprechend ein: mancher Ton kann dramaturgisch gerade durch den Nachklang gewinnen – kein unwesentliches Mittel der Gestaltung. Zum die Freiheit, die Natur und die Berge besingende Lied kann dieses Verhauchen und Verklingen passen, wenn man es einzusetzen versteht, wobei dies für Sänger wie Pianist gleichermaßen gilt.

Vor einem umfangreichen Schumann-Programm mit ausgewählten Liedern, dem Liederkreis op. 24 und der Dichterliebe op. 48 stand Beethovens »An die ferne Geliebte«. Benjamin Bruns zeigte sich als wandlungsfähiger Sänger, der beschwörend die Geliebte ansang, und spätestens sein »Liebesflehen« (Nr. 3 »Leichte Segler in den Höhen«) hätte erhört werden müssen! So weit die Ausdruckspalette reichte: vom schillernden Anruf bis zum leisen Verklingen vermochte der Tenor alle Nuancen auszufüllen. Von Beginn trug die Klavierbegleitung den Sänger, spielte Johannes Wulff-Woesten in der gleichen Stimmlage – innerlich wie äußerlich. Daß der Zyklus nicht in einzelnen Liedern, sondern mit den komponierten Übergängen präsentiert wird, erlebt man auch nicht immer – abzusetzen unterbricht zwar den Fluß, ist aber sicherer, weil man sich »fangen« kann. Hier zeigte sich eben auch ein passendes Duo.

Die angeflehte Geliebte hat Beethoven leider nicht erhört, Schumanns Werke waren da, zumindest vor der Pause, glücklicher. Benjamin Bruns sang sie mit großer Vitalität, mit Dramatik, sogar mit Spiel. Wie er auch mit Mimik, mit Augenzwinkern, das Publikum ansprach, nahm gefangen. Und wenn er einzelne Schlüsselwörter (Wonne, Seele, Herz, Tod) mit Betonung herausstrich, geschah dies gezielt und mit Maß. »Herz« auf »Schmerz« zu reimen, wird schnell fad‘, Wonne zu fühlen wohl nie. Stimme, Kopf und Herz müssen eben im Einklang sein, sonst verfehlen Effekte ihre Wirkung, flachen ab. Benjamin Bruns und Johannes Wulff-Woesten haben »ihren« Schumann offenbar genug verinnerlicht, um zu wissen, auf welches »Herz« die Betonung zielen muß. So erklang spätestens »Der Nußbaum« op. 25 Nr. 3 wie mit zwei Singstimmen. Aber auch »Ich hab‘ im Traum geweinet« aus der Dichterliebe, wenn der Sänger ohne Begleitung beginnt und das Klavier »nachtragend« einstimmt, hat kurz vor Ende mit am tiefsten beeindruckt.

23. März 2015, Wolfram Quellmalz

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