Ausdrucksstarker Sänger

Bachs Solokantaten für Baß mit Henry Böhm in der Schloßkapelle

Nein, daß das Kantatenwerk Johann Sebastian Bachs in unserem Musikleben von anderen Werken des Thomaskantors »an den Rand gedrängt« wäre und nur »ein Schattendasein« fristete, wie Jürgen Otten noch vor gut zehn Jahren schrieb, kann man gerade in Dresden nicht sagen. Vielmehr gibt es sogar eine besondere Hinwendung zur Aufführung von Kantaten, die weit über Bach und seine Zeit hinausgeht. Das schafft einerseits Raum für besondere »Projekte«, kann aber auch auf ein großes Stammpublikum setzen. Die Aufführung in der Schloßkapelle war so etwas besonderes.

Drei Kantaten für Baß solo hat Johann Sebastian Bach geschrieben, mit dem ehemaligen Kruzianer Henryk Böhm kamen sie wieder einmal zur Aufführung. »Ich habe genug« (BWV 82) und die sogenannte »Kreuzstabkantate« (BWV 56) gehören zu den bekanntesten Werken aus dem Kantaten-Kanon, »Der Friede sei mit Dir« (BWV 158) rundet dieses Trio ab. Mit mittlerer Besetzung (Oboe, 2 Violinen, Viola, Violoncello, Kontrabaß, Theorbe und Orgelpositiv) war die Capella Sagittariana Dresden angetreten und trug zwischen den Kantaten mit zwei ursprünglich für Orgel geschriebenen Werken zum Programm bei, der Canzona d-Moll (BWV 588) und dem Choral »Schmücke dich, o liebe Seele« (BWV 654). Zwischen den auf den Tod bzw. den Weg danach bezogenen Kantaten, als kontemplative Brücken sozusagen, waren die Stücke eine sinnliche und sinnreiche Ergänzung. Zu den Kantaten trugen außerdem Mitglieder des Vocal Concerts Dresden (Leitung: Norbert Schuster) bei.

Henryk Böhm ist ein ausdrucksstarker Baß, der stets bis zur letzte Silbe verständlich blieb und feinsinnig, aber auch mit Impetus, betonte. Gleich in der ersten Kantate machte er deutlich, daß er zwar »genug« habe, doch geht es hier ja nicht schlicht um einen Todesmüden, sondern gerade darum, daß der Tod im christlichen Verständnis kein dunkles Ende ist, sondern Hoffnung und Erlösung birgt. Im Zentrum steht eine der schönsten Arien der Bach-Kantaten: »Schlummert ein, ihr matten Augen«. Henryk Böhm gestaltete die letzte Wiederholung dieser Zeile beschwörend, ganz auf die Hoffnung setzend. In der abschließenden Arie (auch hier eine Besonderheit: es gibt keinen Choral) wird dieser Gedanke fortgeführt: »Ich freue mich auf meinen Tod« ist sicher keine leicht zugängliche Sichtweise, Henryk Böhm verstand es aber, sie mit inniger Freude auszustatten – Todesmut in einem höheren Sinne.

Nicht immer ist der Solist in den Kantaten allein, denn meist stellt Bach dem Sänger einen Duopartner an die Seite. Robert Herden füllte diese Rolle mit der Oboe klangschön aus, in der zweiten Kantate übernahmen dies auch Anne Schumann (Violine) und Maria Meckel (Choral / Sopran) – wer genau hinhörte, konnte den zeitgleich gesungenen Choral-Text leicht verstehen.

Auch die abschließende Kreuzstabkantate nimmt die Themen Tod, Joch und sicheren Hafen auf, schließt aber neben Abschied und Leid vor allem Verheißung und Erlösung ein. Alle drei Kantaten verlangen eine Auseinandersetzung mit dem Text, dies setzt das Verstehen zwingend voraus. Henryk Böhm und seine Begleiter strichen zusätzlich die unterschiedlichen Erzählebenen der Werke heraus und vermieden einen deklamatorischen Ansatz. Im Gegenteil verlieh Henry Böhm selbst den Rezitativen ein gehöriges Maß Sinnlichkeit.

9. März 2015, Wolfram Quellmalz

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s