Nachtrag 2 – Gehörte Bilder

Andrés Orozco-Estrada begeistert Leipziger Publikum

Allen drei Werke dieses abends kann man einen Bildcharakter unterstellen, denn vor allem Leoš Janáčeks Rhapsodie »Taras Bulba« und Antonín Dvořáks Sinfonie »Aus der Neuen Welt« haben nicht nur programmatische Titel, sie »erzählen« auch Geschichten von Ländern und Menschen. Auch dem die Hollywood-Filmmusik prägenden Erich Wolfgang Korngold wird eine Bildsprache unterstellt, obwohl sie tatsächlich weniger offensichtlich ist. Im Gegenteil ist der Vorwurf – oft waren solche Kommentare abwertend gemeint – insofern ungerecht, als Korngold es war, der die Filmmusik Hollywoods wesentlich geprägt, wenn nicht sogar erschaffen hat (und nicht umgekehrt).

Die Anfänge seines Violinkonzertes D-Dur gehen auf die Zeit der dreißiger Jahre zurück, doch hat sich der Komponist erst 1945 wieder dem Werk zugewandt, damals war er schon in Hollywood etabliert, womit auch sein Name, sein Komponistenschaffen eine Prägung erhalten hatte. Anknüpfen konnte er an seine (sehr) frühen Erfolge aber nicht mehr, so fielen auch Urteil und Rezeption des Violinkonzertes zwiespältig aus – ein Grund mehr, das Werk wieder einmal ins Programm zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Die Norwegerin Vilde Frang war dazu als Gast geladen und bildete mit Andrés Orozco-Estrada ein geradezu detailversessenes Duo. Jedes Motiv auszumalen waren beide bedacht, knackten beständig Zaubernuß an Zaubernuß und bereiteten dem Publikum allerlei Entdeckungen. Dabei »strömte« das Gewandhausorchester mit Verve durch das vielgliedrige Werk und legten die innere Schönheit bloß. Im Duo mit Vilde Frang kamen vor allem die Lyrik der gesanglichen Passagen zum Ausdruck. Für den Applaus bedankte sich die junge Violinistin mit einem »kleinen norwegischen Abendrot« von Bjarne Brustads.

Eingangs hatte Leoš Janáčeks »Taras Bulba« für volkstümliche Töne gesorgt. Glockenspiel, Schlagwerk und Violinsoli schufen imposante Klangbilder, doch erzählt die Geschichte auch von drei Toden: sowohl die beiden Söhne als auch Taras Bulba selbst sterben im Kampf – da wird Janáček martialisch. Immer öfter und eindringlicher erhebt sich die Orgel als mahnende Stimme.

Antonín Dvořáks neunte Sinfonie ist ein Meilenstein, ein Hauptwerk, ein opus magnum. Damit gewinnt man immer – oder man zerbricht. »Von selbst« spielt sich das Stück in der Tat nicht, sondern will geformt, belebt werden. Andrés Orozco-Estrada, im Gewandhaus schon mehrfach zu Gast, wußte dies gekonnt zu tun. Wie einen Spielball, den er in der Luft hielt, jonglierte der Kolumbianer mit den Stimmen – gestenreich, doch ohne Übertreibung koordinierte er die Musiker und gab – als dritte Instanz sozusagen – per Augenblick und Kopfnicken Einsätze, während er mit Händen gruppierte, richtete und präzisierte. Überhaupt: Andrés Orozco-Estrada erzeugt nicht nur magische Musik, als Figur zieht er die Blicke ebenso auf sich, nicht ohne Stolz und Erhabenheit steht er vor dem Orchester und erinnerte in seiner Haltung manchmal an Herbert von Karajan.

Farbig und auch hier detailreich gestaltete das Gewandhausorchester, trumpften die Bläser, vor allem die Flöte, immer wieder auf, leuchtete – soweit dies musikalisch möglich ist – in den schönsten Farben. Oder, um es mit einem Wort zusammenzufassen: DAS war ein prächtiger Abend – Schöne Neue Welt!

7. März 2015, Wolfram Quellmalz

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