Verschachtelt: Pelléas et Mélisande

Schon Maurice Maeterlincks Text scheint verschlüsselt, von einem Schleier umhüllt. Vieles wird nur vage angedeutet und nicht ausgemalt. Claude Debussy hat einen Schleier aus Musik darum gewoben und ein vielschichtiges Märchengebilde geschaffen – viel Raum zur Deutung und Auslegung. Diesen Raum auszufüllen, da erwartete der eine oder andere von der Theaterkompanie La Fura dels Baus sicher besonderes. Schließlich ist die Verknüpfung der Künste doch ein Markenzeichen der Katalanen, und das symbolistische Märchen bietet viele Anknüpfungspunkte für Ideen. Letztlich haben Regisseur Àlex Ollé und sein Team (Mitarbeiterin Susanna Goméz, Bühne: Alfons Flores, Kostüme: Lluc Castells, Licht: Marco Filibeck [nicht La Fura dels Baus]) jedoch eine konventionelle Inszenierung auf die Beine gestellt.

Maurice Maeterlincks Drama beschreibt die unglückliche Dreiecksbeziehung zweier Brüder und des Mädchens Mélisande. Golaud und Mélisande haben sich beide verirrt, er, während er auf der Jagd gewesen ist, sie auf der Flucht. Wovor sie sich fürchtet, bleibt unklar. Als beide aufeinandertreffen, bietet Golaud Mélisande seine Hilfe an. Er nimmt sie mit auf sein Schloß Allemonde und heiratet Mélisande. Doch sucht das Mädchen bei ihm nur Schutz, liebt Golaud aber nicht. Allemonde ist ein dunkles Schloß, was Mélisande mehr und mehr bedrückt. Als Pelléas anläßlich der Hochzeit zurückkehrt, werden das Mädchen und er ein heimliches Paar, das sich nur im Verborgenen treffen kann.

Das düstere Werk scheint mehr und mehr in Hoffnungslosigkeit zu versinken. Nicht einmal das Kind, das Mélisande erwartet (von wem?) scheint ein Lichtblick zu sein. Als Golaud das Paar eines Tages erwischt, erschlägt er seinen Halbbruder. Mélisande stirbt an der Geburt ihrer Tochter, ohne jedoch das Geheimnis ihrer Beziehung zu Pelléas preiszugeben.

Maurice Maeterlincks symbolistisches Drama führt uns in eine Welt der Abgründe, eine versinkende Welt, eine sterbende Familiendynastie. Sie ist stark verästelt über die Generationen, der kranke Großvater war wohl der letzte souveräne Herrscher – die Elterngeneration ist bereits am Verlöschen, Golaud und Pelléas sind Halbbrüder, auch Golaud hat bereits ein Kind aus einer früheren Ehe, bevor er Mélisande traf. Doch begegnet uns hier keine fröhliche »Patchworkfamilie«, sondern ein sterbendes Geschlecht.

Diese Düsternis, dieses Versinken, haben Àlex Ollé und Alfons Flores hauptsächlich in Szene gesetzt. Nur wenig trübes Licht erhellt kleine Bereiche, Wasser gibt es allenthalben, doch ist es nicht das lebensspendende Element, sondern Symbol des Vergehens. Dazu spielt sich fast die ganze Oper im Kasten ab, einem überdimensionalen Quader, das Schloß. Zwei Etagen, zwei Seiten, verschiedene Räume – so werden ständig die Orte des Geschehens geändert. Die langsamen Drehungen wirken aber nicht nur beruhigend, sondern auch zäh. Unaufhaltsam, als würde ein nicht zu stoppender Mechanismus (der Vergänglichkeit) die Welt von Allemonde in Gang halten. Den ganzen Abend steht die Bühne unter Wasser, es verschlingt Geschichten, Ringe, gibt nichts preis, als daß es Trugbilder auf dem Grunde oder vergängliche Spiegelungen zeigt. Um das Schloß wächst ein dichter Märchenwald, auch er verbirgt. Und selbst dann, wenn man nah am Schloß steht, ist dieses hinter einem Schleier. Alles ist in beigen Tönen gehalten: Schleier, Schloß und Kleider – das schafft optische Täuschungen, scheint Vorder- und Hintergrund und noch die Personen zu verschmelzen. (Es sind eigentlich die Falten des Vorhanges, doch sie wirken auch wie solche der Tapete oder der Kleider.)

So gelungen es ist – es ist auch zu viel. Denn das düstere, märchenhafte, interpretiert Àlex Ollé als eine lähmende Tristesse. Dazu das permanente Spiel im Kasten – das paßt oft nicht zu Debussys leichter, farbenreicher Musik. Ebenso die Kostüme, ohne Lebendigkeit, als stammten sie aus einem Schauerroman, und die alten Personen. Golaud und Pelléas sehen weißhaarig und alt aus, was ist da mit dem Großvater Arkel? Ist er schon versteinert? Ist das der Boden für eine Liebe? Damit nimmt Àlex Ollé dem Stück sein belebendes Element und dem Abend den Schwung, und das trübt die vielen guten Ansätze ein, denn der ganze Abend, das heißt der Fluß des Spieles, scheint wie gebremst, lähmend, dunkel. Vielleicht waren die Erwartungen an sein Team, an mehr als ein Schauspiel, ungerechtfertigt, eine leise Enttäuschung beleibt so oder so.

Doch nicht immer, denn an den Schlüsselstellen funktionieren die Bilder von La Fura dels Baus wirklich gut. Michael Güttler (an diesem Abend an Stelle des sonst leitenden Marc Soustrot) gibt der Musik Raum, das Sängerensemble läßt keine Wünsche offen. Neben dem Brüderpaar (Phillip Addis als Pelléas und Oliver Zwarg als Golaud) kann vor allem Tilmann Rönnebeck als König Arkel überzeugen – der Herrscher eines verlorenen Reiches. Alt, lahm, blind, kann er das Schicksal nicht mehr aufhalten. Camilla Tilling ist eine bezaubernde Mélisande, aber auch Elias Mädler, eigentlich ein Mitglied des Tölzer Knabenchores, gehören als Golauds Sohn Yniold stimmliche Glanzpunkte an diesem Abend.

Claude Debussy war nicht der einzige Komponist, der Maurice Maeterlincks Drama vertonte, aber es ist heute die bedeutendste musikalische Umsetzung. Diese an der Semperoper zu erleben, verschafft dem Spielplan einen zusätzlichen Farbtupfer. Bleibt zu wünschen, daß sie sich, mit ein paar belebenden Korrekturen für die kommende Spielzeit, künftig besser entfalten kann.

7. Februar 2015, Wolfram Quellmalz

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