O mio babbino caro! – Zwei Einakter von Ruggero Leoncavallo und Giacomo Puccini an den Landesbühnen Sachsen

Oh, mein geliebter Vater – dies könnte die Überschrift für beide Stücke sein, Ruggero Leoncavallos »König Ödipus« ebenso wie Giacomo Puccinis »Gianni Schicchi«. Die (dramatischen) Familienbeziehungen zwischen Eltern und Kindern rückt Holger Potocki in den Mittelpunkt des Abends. So unterschiedlich die Stücke sind, finden sich doch gemeinsame Nenner, vor allem der tote, im Stück nicht auftauchende oder zumindest nicht agierende Vater (denn in »Gianni Schicchi« liegt der frisch verstorbene aufgebahrt in seinem Zimmer). Im Mittelpunkt der Handelnden steht jeweils ein anderer – der Sohn (und Ehemann) bzw. Vater (und Bruder) König Ödipus bzw. Gianni Schicchi. Paul Gukhoe Song spielt beide titelgebende Figuren, beide Geschichten spielen im selben Raum – oder doch nicht?

Eigentlich sind die Stücke doch grundverschieden – die griechische Mythologie hier, ein modernes, korruptes Italien da. Doch Stefan Weils Bühne verbindet beides mit wenigen Änderungen – das kann gesunder Theaterpragmatismus oder mehr sein. Sind es denn wirklich zwei Welten? Oder spielt sich alles immer wieder neu ab, das Leben, die Liebe, die Tragödie in der Familie – alles nur ein Spiel um Macht? Die Insignien derselben sind sowohl in »König Ödipus« wie in »Gianni Schicchi« vorhanden: feudale Armsessel, ein monumentaler Schreibtisch – die Schaltzentrale der Macht –, der in »Gianni Schicchi« auch gleich als Totenbett fungiert, und ein Fenster oder Ausblick: als Aquarium hier, die zu Füßen liegende Stadt zeigend da. Nicht fehlen darf eine gut ausgestattete Bar. Hier genehmigt man sich einen Drink. Um sich zu beruhigen, um nachzudenken, um zu entscheiden. Mit gemütlichem Zusammensitzen am Kamin oder Genießen hat das nichts zu tun, eher erinnert es an Mode und – Macht.

Es ist nicht die Welt des Ödipus, der nach und nach sein Schicksal und das seiner Familie erfährt und daran zerbricht. Erkenntnis führt nicht zum Heil, so scheint es. Spiel und Widerspiel, damit jonglieren beide Stücke – kein Wunder, daß ausgerechnet ein Blinder sehend ist (Hagen Erkrath). Im Gegensatz zu Ödipus fragt Kreon nicht. Und so hat Christian S. Malchow vor allem stumm darzustellen, wie er die Macht (den Schreibtisch) übernimmt. Der Souveräne handelt – und schweigt. Daß der Tenor mit Stimmvolumen und -farbe überzeugen kann, beweist er hier ein weiteres Mal. Ödipus dagegen zaudert, verzweifelt im Laufe des Stückes immer mehr.

Aus dieser Figur muß Paul Gukhoe Song in der Pause herausschlüpfen, denn als »Gianni Schicchi« kommt er, der mittellose, plötzlich einen Zipfel der Macht zu fassen, als er für die Familie Buosos kurz den eben verstorbenen Patriarchen mimt. Bisher weiß noch keiner etwas vom Verscheiden des Familienoberhauptes, Gianni Schicchi soll an seiner Stelle noch schnell eine Änderung seines Testamentes dem Notar diktieren (Buoso hat all sein Vermögen der Kirche hinterlassen). Das tut er auch und verteilt das meiste gerecht, doch vererbt in seiner Lesart gerade die strittigen Güter »seinem guten Freunde Gianni Schicchi«. Damit macht er sich umgehend zum Hüter des Hauses und setzt die Familie vor die Tür.

Das Spiel um die Macht profitiert von den lebendigen Stimmen, aber auch den karikierten Typen der Szene. Jan Michael Horstmann (»König Ödipus«) und Hans-Peter Preu (»Gianni Schicchi«) führen die Elblandphilharmonie Sachsen und die Sänger der Landesbühnen Sachsen in hitzige italienische Melodik des Verismus und theatrales Leiden und gestalten einen nicht nur abwechslungsreichen Abend – weit mehr, als nur die Umrahmung des berühmten » O mio babbino caro!«. Natürlich ist Laurettas Selbstmorddrohung, von Iris Stefanie Maier wirkungsvoll in Szene gesetzt, der musikalische Höhepunkt, doch bleibt vor allem in Erinnerung, daß die Landesbühnen zwei Geschichten auf die Bühne geholt haben – tragisch, kriminell, schön. Vor allem die Sänger – allen voran der wandlungsfähige und ausdrucksstarke Paul Gukhoe Song – und Musiker tragen diese Aufführung. Bleibt zu hoffen, daß die Inszenierung in der kommenden Spielzeit weiter im Programm bleibt und den verdienten – auch überregionalen – Zuspruch bekommt.

31. Januar 2015, Wolfram Quellmalz

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