Zum Wachbleiben, nicht zum Einschlafen – Saisonbeginn der Richard-Wagner-Stätten Graupa mit der Pianistin Ragna Schirmer

Nein, zum Einschlafen waren sie nicht gedacht, Johann Sebastian Bachs »Goldberg-Variationen«. Graf von Keyserlingk gab das Werk einst in Auftrag, um sich nächtens daraus von seinem Cembalisten Johann Gottlieb Goldberg vorspielen zu lassen. Auf diese Weise wollte er sich die schlaflosen Stunden vertreiben – soweit zumindest die durch Johann Nikolaus Forkel überlieferte Anekdote. Ungeachtet dessen stellen die Goldberg-Variationen einen Meilenstein der Musikhistorie dar wie die »Matthäus-Passion«, die »Winterreise« oder »Tristan«. Und wenn die mehrfache Bachpreisträgerin Ragna Schirmer ankündigt ist, pilgern viele ins Jagdschloß – ausverkauftes Haus.

Bachs Goldberg-Variationen sind der vierte Teil der »Clavierübungen« des Thomaskantors. Das besondere dabei ist, daß Bach nicht schlicht ein Thema, also die gesangliche Melodie der »Aria«, sondern deren Baßbegleitung variiert hat. Dreißig Mal.

»Bach geht immer«, das ist keine Aussage einzelner oder von Spezialisten, sondern eine Lebenserfahrung. Bei Bach kann man sich finden, zu jeder Tages- oder Jahreszeit, als Künstler ebenso wie als Zuhörer. Und selbst mit einer kurzen, dem Wetter oder einem Infekt geschuldeten Zwangspause fanden Pianistin und Zuhörer in diesem Werk zusammen. Ragna Schirmer kann nicht nur spielerischen Furor auf dem Flügel (der Künstlerin stand ein wunderschöner Bösendorfer zur Verfügung) »entzünden« und vermag brillante Läufe zu gestalten, sie verfügt auch über eine weite Ausdruckspalette und eine ausgewogene Anschlagskultur. Ebenso nutzte die Pianistin im Bezug der Variationen aufeinander großen Gestaltungsspielraum. Wie in den Variationen 21 bis 23, welche zunächst das Tempo abbremsen und die Stimmung zu verdüstern scheinen. Nachdenklich und in sich gekehrt kommt Variation 22 daher, um sich dann (23) wieder frohgemut (dem Leben zugewandt) aufzuschwingen. Kleine Höhepunkte waren die jeweils dritten Variationen (»Canone«), die im Quodlibet einen Abschluß finden, der alles zusammenzufassen scheint. Mit einem guten Maß Feierlichkeit kam Ragna Schirmer zu dieser letzten Variation, bei der es Bach aber nicht belassen hat, denn das Werk endet, wie es begann – mit der Aria. Da war es dann doch, als würde man aus einem Traum erwachen, aus den Weiten des Bach-Himmels zur Erde zurückkehren. Ein Traum? War da jemand eingeschlafen?

22. Januar 2015, Wolfram Quellmalz

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