Zauberharfe ohne Harfe – 2. Sinfoniekonzert der Mecklenburgischen Staatskapelle

Seit dem vergangenen Jahr hat Schwerin einen Wiener als Kapellmeister, Gregor Rot. Über Meiningen ist er in den Norden gekommen, hat aber sein Wienerisch nicht verloren, wie man zum Konzert am vergangenen Montag hören konnte, als er gemeinsam mit Kerstin Klaholz das Programm moderierte. Werke der Wiener Klassik standen dann auch passend auf dem Programm des Abends. Zunächst mit der Ouvertüre zu Franz Schuberts »Zauberharfe«. Die Wertschätzung Schuberts hinreißender Musik war durchaus nicht immer selbstverständlich bzw. nur auf bestimmte Werke bezogen. Lange Zeit hat er die Anerkennung vor allem für seine Lied und das kammermusikalische oder sinfonische Schaffen erfahren. Nachdem auch seine Klaviersonaten durch Pianisten wie Wilhelm Kempff und Alfred Brendel rehabilitiert wurden, ist es nun – hoffentlich – Zeit, sich seinen Opern- und Schauspielmusiken zuzuwenden. In der Wahl seiner Libretti, so merkte Kerstin Klaholz auch an, war Schubert in der Tat weniger glücklich, doch hat er auch hier eine wunderbare Musik geschaffen, die es zu entdecken gilt.

Die Ouvertüre der »Zauberharfe« gehört zweifellos dazu. Nicht nur der Name scheint sie in die Nähe Carl Maria von Webers‘ »Freischütz« zu rücken, der ein Jahr später uraufgeführt wurde. Schubert hat in seiner Ouvertüre aber nicht einen Handlungsüberblick gegeben, sondern entführt den Zuhörer in eine Welt voller Geheimnisse – und das ganz ohne Harfe. Dafür aber mit einem stattlichen Bläserapparat, mit dem auch die Schweriner Staatskapelle aufwarten kann. Und so dräuen düstere Geheimnisse ebenso, wie heitere Momente funkeln und volkstümliche Tänze anklingen.

Joseph Haydn war einer der Komponisten, mit dem die Epoche der Wiener Klassik eingeleitet wurde. Für sein erstes Cellokonzert hatte die Mecklenburgische Staatskapelle Janina Ruh, Stipendiatin des Deutschen Musikrates, eingeladen. Ihre Interpretation war sehr betont und persönlich, manchmal ein wenig eigenwillig – doch wer wollte ihr verdenken, den eigenen Weg der Interpretation zu suchen? Gregor Rot und die Staatskapelle auf jeden Fall nicht, denn wie schon bei Schubert, gelang es dem Dirigenten, für eine Ausgeglichenheit und Stimmigkeit des Orchesters zu sorgen. Während er bei Schubert vor allem für eine Ausgewogenheit zwischen Streichern und Bläsern sorgte und einzelne Motive herausarbeitete, stimmte er seine Musiker bei Haydn ganz auf die Solistin und ihre dynamischen Akzenten ein – mit beiderseitigem Gewinn. Als Zugabe spielte Janina Ruh den zweiten Satz aus Pēteris Vasks »Das Buch« (Grāmata čellam), ein Stück, das dem Cellisten auch den dazugehörigen Gesang abverlangt. Wie geschaffen also für die Solistin, die seit dem vergangenen Jahr auch Gesang studiert.

Nach der Pause führte Dmitri Schostakowitschs erste Sinfonie das Publikum in eine ganz andere Welt. Rasant und jagend kommt diese Musik daher, überrascht aber auch mit ruhigen, geradezu träumerischen Momenten (Glöckchen) und mit ausgeprägten Passagen für die Klarinette und das Cello. Für den Konzertmeister gibt es gar Passagen, in denen er über dem Orchester schwebende, ausgedehnte Soli vorträgt. Doch auch diese werden von den jagenden, peitschenden Schostakowitsch-Rhythmen wieder eingefangen. Gerade diese Heftigkeit jedoch kann schnell entgleiten, wird von manchem als Getöse empfunden. In der Konzerten der Mecklenburgischen Staatskapelle jedoch nicht, denn hier arbeiteten die Musiker Motive und Schattierungen mit viel Feinheit und Liebe heraus. So endete die Sinfonie nicht nur im Siegeston, sondern das Konzert auch mit viel Applaus von einem enthusiasmierten Publikum. »Horosho« rief ein begeisterter Zuhörer im ersten Rang immer wieder.

25. November 2014, Wolfram Quellmalz

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