Emotionsgeladenes Verdi-Requiem

Ganz offensichtlich besteht nach wie vor ein großes Bedürfnis nach Ruhe und (Rück-)Besinnung, aber auch das Werk allein – Giuseppe Verdis »Messa da Requiem« – hat sicher einige Musikfreunde bewogen, sich am Buß- und Bettag auf den Weg in die Martin-Luther-Kirche zu machen. Der Zustrom war entsprechend groß, Anstehen im Novembernebel gehört dazu, eine so gut gefüllte Kirche hatten sich Veranstalter und Musiker sicher gewünscht.

Landeskirchenmusikdirektor Markus Leidenberger leitete die Elbland Philharmonie Sachsen sowie den Dresdner Bachchor und den Domchor Zwickau. Als Solisten waren Jana Reiner (Sopran), Ewa Zeuner (Alt), Frank Blümel (Tenor) und Johannes Wollrab (Baß) eingeladen. Schön, daß man sich für die tiefen Stimmen entschieden hatte, wie sie im Werk eigentlich vorgesehen sind. (Häufig wird vor allem statt des Alt in Aufführungen und Aufnahmen ein Mezzosopran besetzt.) Auch wenn Ewa Zeuner sich vorab als gesundheitlich angeschlagen melden ließ, war davon während des Requiems nichts zu bemerken. Sie gestaltete ihre Partie souverän und klangschön, ebenso wie ihr Baßkollege. Glänzender und berückender noch beeindruckte vor allem Frank Blümels anrührende Tenorstimme (allein sein sanfter Ansatz war sagenhaft), während Jana Reiner in den höheren Lagen fast immer angestrengt und manchmal sogar grell klang. Dennoch gestaltete auch sie ihre Partien, vor allem im abschließenden »Libera me«, schön.

Verdis Requiem ist keines der besonders stillen, andächtigen Werke, sondern gerät mit einigen geradezu theatralen Teilen schon nahe an die Oper. Auch das Zusammenspiel, etwa von Solist und Oboe, erinnert da manches Mal an eine Arie des Musiktheaters. Doch soll dies keineswegs negativ verstanden werden, denn seit dem Ursprung haben sich die Wege der Opern- und Kirchenmusik – gerade in Italien – mehrfach gekreuzt und gegenseitig bereichert. Markus Leidenberger hat diesen sanglich-emotionalen Charakter, dieses manchmal überstarke Leiden, reichlich ausgemalt und ausgenutzt, wofür ihm mit dem opernerfahrenen Orchester auch ein passender Partner zur Verfügung stand. Die Wortverständlichkeit der Solisten blieb davon auch unbeeinträchtigt, jene des Chores aber nicht. Der Hinweis des Leiters im Programmheft, daß die Posaunen des letzten Gerichtes zur Verdeutlichung mit zusätzlichen Trompeten (von der Empore) besetzt wurden, legt den Schluß nahe, daß Markus Leidenberger hier auf die Textkenntnis bzw. auf das Lesen des im Programmheft abgedruckten (und lateinisch gesungenen) Textes vertraute und die dramaturgischen Möglichkeiten ausschöpfen wollte. Im besagten »Tuba mirum« war dadurch der Chor aber gar nicht mehr zu hören, man sah nur noch, daß er sang. Schade! Dennoch blieb am Ende nicht der Eindruck eines von der Laustärke verursachten Erdrücktseins oder von überzogenen Effekten. Die Betonung der emotionalen Übertragung dieser Musik des Opernkomponisten Verdi gegenüber einer reinen Textvermittlung war also durchaus schlüssig.

20. November 2014, Wolfram Quellmalz

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