Die Kraft aus dem Innehalten

In der Kreuzvesper vor dem letzten Sonntag des Kirchenjahres standen Werke von Johann Sebastian Bach, Baldassare Galuppi und Gottfried August Homilius auf dem Programm, die den Übergang zwischen Bußzeit und Advent aufgreifen. Einleitend spielte Kreuzkirchenorganist Holger Gehring zunächst die Choralbearbeitung »Wachet auf, ruft uns die Stimme« BWV 645 auf der großen Jehmlich-Orgel. Schon diese strahlte Zuversicht aus, Hinwendung, Beruhigung.

Vertonungen des Psalmes 53 sind ein fester Bestandteil der Kirchenmusik und markieren Bußtage bzw. -zeiten. Baldassare Galuppi, in Burano (heute zu Venedig zählend) geboren, war als Komponist und Musiker an verschiedenen Theatern Venedigs sowie im Ospedale dei Mendicanti angestellt, später verbrachte er einige Zeit in St. Petersburg. Von seiner Bedeutung schon zu Lebzeiten (Galuppi starb 1785 in Venedig) zeugen nicht zuletzt Werke, die bereits im 18. Jahrhundert Bestandteil der Dresdner Hofmusik wurden, wie sein Miserere Es-Dur. Holger Gehring wechselte hierfür an die Truhenorgel, um die sich Mitglieder der Dresdner Kapellsolisten versammelten. Heidi Maria Taubert (Sopran), Marlen Herzog (Alt), Benjamin Glaubitz (Tenor) und Johannes G. Schmidt (Baß) übernahmen die Rollen der Solisten. Perlend, wie in gedämpften Licht glänzend, betörte diese Musik. Das Bitten um Vergebung, das Flehen und die Opferbereitschaft hat Galuppi nicht wenig festlich gestaltet. Aber nicht prahlerisch oder prunkvoll ist diese Festlichkeit, vielmehr schließt sie die Zuversicht der Erfüllung, also einen Inbegriff des Glaubens, bereits ein. Die Aufführung in der Kreuzkirche war vor allem von einer wunderbaren Harmonie und Ausgewogenheit, sowohl zwischen Instrumentalmusik und Gesang, aber auch im Gleichgewicht der Stimmen, gekennzeichnet und traf genau den Kern des Besinnens und Gedenkens.

Nachdem im Gemeindegesang noch einmal aufgegriffenen »Wachet auf, ruft uns die Stimme« – für das im Text besungene Gloria der Zimbeln hatte Holger Gehring auch den Zimbelstern eingesetzt – schloß die Vesper mit der Kantate »Fahre hin, du Lust der Welt« HoWV II.172. Gottfried August Homilius, dessen 300. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, ist ein Zeitgenosse Baldassare Galuppis gewesen (beide starben im gleichen Jahr) und hat dessen Werke sicherlich in Dresden kennengelernt. Bis Ende 2014 stehen Werke Homilius‘ noch einige Male auf dem Programm der Kreuzkirche. Zum reichhaltigen Schaffen des Kreuzkantors auch gehört eine stattliche Zahl Kantaten. Die Solokantate »Fahre hin, du Lust der Welt« greift den Gedanken der Entsagung auf (und erinnerte daran, daß die Zeit vor Weihnachten ursprünglich auch eine Fastenzeit gewesen ist), hat aber trotzdem einen festlichen Charakter, der jenen des Miserere Galuppis‘ sogar noch übertrifft. Heidi Maria Taubert interpretierte den Text mit klarem, mahnendem, inspirierendem Sopran.

Die gedämpfte Festlichkeit der Vesper, ihre Ausgewogenheit, galt einem hoffnungsvollen und zuversichtlichen Bedenken ebenso wie einer frohen Aussicht. Das ließ sich auch innerlich erfassen, wie Lebensschwingungen fühlte es sich an, als man die Kreuzkirche verließ.

24. November 2014, Wolfram Quellmalz

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