Licht und Hoffnung – Céline Moinet und das Württembergische Kammerorchester Heilbronn in der Frauenkirche Dresden

Das symmetrische Programm schien mit Bedacht und Sicherheit zusammengestellt: Zwei der Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach markierten Anfang und Ende, in der Mitte eines seiner Doppel- und ein Oboenkonzert und dazwischen jeweils ein Werk Pēteris Vasks‘. Vier Meilensteinen der Musikgeschichte war also einer der populärsten Komponisten unserer Tage beigestellt, Musik »gegen den Strich« somit nicht zu erwarten. Man hätte vorab etwas mehr Mut bei der Programmgestaltung erhofft, doch die Solooboistin der Sächsischen Staatskapelle Céline Moinet als Gast und das Württembergische Kammerorchester Heilbronn unter der Leitung Paul Goodwins hatten so oder so ausreichend Magnetkraft, um Gelegenheitsbesucher und Musikliebhaber gleichermaßen zahlreich in die Frauenkirche zu locken.

Gemeinsam widerlegten die Musiker die Mär von der schlechten Akustik an diesem Ort. Sie mag kompliziert sein – das ja – aber wie vielem komplizierten kann man ihr mit dem rechten Maß an Aufmerksamkeit und Finesse beikommen. Denn trotz einer Aufstellung im Altarraum vermochte Paul Goodwin einen klaren und luftigen Klang zu erzeugen, zum Beispiel im fünften der Brandenburgischen Konzerte. Wo noch vor einem viertel Jahr ein italienisches Orchester mit dem gleichen Stück scheiterte, war nun das Zusammenspiel der Stimmen ungetrübt zu genießen. Die Anordnung der Solisten im Zentrum trug sicherlich ebenso dazu bei wie die Wahl von Tempi und Lautstärke – dieses Cembalo (Petra Marianowski) perlte! Einzig die Blockflöten im abschließenden Konzert G-Dur (BWV 1049) litten leicht an einem akustischen Manko, aber eben nur leicht.

Vokale und volkstümliche Musik seiner Heimat sind wesentliche Impulse im kompositorischen Schaffen Pēteris Vasks‘. Hoffnung, Licht, möchte er den Menschen auch in düsteren Zeiten geben und bedient sich dabei eines von ihm selbst so genannten »Streichergesanges«. Daß er dabei Gesang und Streicher mitunter auch wirklich verbindet, durfte man in der Frauenkirche bereits erleben, als Sol Gabetta den zweiten Satz aus »Grāmata čellam« spielte. »Musica dolorosa«, dem Andenken an die Schwester des Komponisten gewidmet, baut auf diesem Verständnis auf und schafft eine Atmosphäre der Klage und der Trauer. Jedoch schwingt gerade zu Beginn neben der Trauer auch die Dankbarkeit mit, für etwas bzw. jemanden, der dagewesen ist, den es gegeben hat. Erinnerung als Teil der Identität, der Realität, der Zuversicht gibt. Auch das zweite Stück Vasks‘, »Cantabile per archi«, atmet diesen Klang aus Licht und Hoffnung und zeigt die Nähe zum sakralen Chorgesang, und so standen sich die beiden Werke gegenüber wie Kantate und Motette. Das Württembergische Kammerorchester gab ihnen eine Luzidität, aber auch Beklemmung und Dramatik, die zum Nachdenken, zum Gedenken und zur Andacht inspirierte. Damit wurde das nicht explizit an den Kirchenmonat gebundene Konzert dem November-Gedenken auf schöne Weise gerecht.

Mit den Konzerten Bachs gab es neben diesen stillen Werken vier glanzvolle Barockperlen zu erleben, doch stellten diese keine Gegensätze zu Vasks‘ Stücken dar. Denn – wie eingangs erwähnt – weniger ist mehr. Nicht auf Strahlkraft setzte Paul Goodwin, sondern auf bedachte Lautstärke und gemäßigte Tempi. Unter diesem Duktus konnte das Orchester seine ganze Eleganz entfalten. Die hervorragenden Solisten standen in der Lesart Goodwins zwar exponiert vor dem Orchester, blieben diesem aber stets eng verbunden. In diesem Sinne setzte sich Céline Moinet auch nur optisch (weiß statt schwarz) von den anderen Musikern ab und fügte sich mit Eleganz und Sanftheit in die Stimmen ein. In Bachs Doppelkonzert d-Moll BWV 1060 bildete sie mit David Schultheiß‘ belebend vibrierender, virulenter Violine ein betörendes Duo, in dem rekonstruierten Konzert d-Moll BWV 1059 gemahnte ihr bedächtiges Spiel an die Kantaten-Sinfonietten, welche die Grundlage der Rekonstruktion lieferten.

Das Württembergische Kammerorchester Heilbronn wurde erst 1960 gegründet. Mit dem Glanz, den es in der Frauenkirche verbreitete, hätte man ihm auch die Tradition einer Hofkapelle geglaubt.

10. November 2014, Wolfram Quellmalz

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s