Der abblätternde Glanz ist nur Fassade!

Für die Neuinszenierung der »Arabella« im Jubiläumsjahr hatten sich die Semperoper Dresden und die Salzburger Osterfestspiele zu einer Kooperation entschlossen. Nach der ersten Premiere im April gab es nun die zweite am Ort der Uraufführung. Beide Dresdner Vorstellungen – leider die einzigen in dieser Spielzeit – waren umjubelte Sängerfeste.

Es war das letzte Werk, welches der fruchtbaren Zusammenarbeit Richard Strauss‘ und seines Librettisten Hugo von Hofmannsthal entsprungen ist. Wie der »Rosenkavalier« führt auch »Arabella« in ein mondänes, sich dem Verfall nähernden Milieu. Arabella ist die ältere zweier Töchter des Grafen Theodor Waldner und seiner Frau, der Gräfin Adelaide. Doch hat diese Familie ihre Glanzzeiten bereits hinter sich – die Spielsucht des Vaters, eines ehemaligen Rittmeisters, hat sicher das ihre dazu beigetragen. So kommt es, daß nur die eine Tochter – Arabella – standesgemäß verheiratet werden kann, während die andere – Zdenka – geradezu versteckt und verschwiegen und, mit dem Hinweis auf ihr wildes Naturell, als »Bub« – Zdenko – ausgegeben wird. Die werten Eltern wollen sich also durch eine günstige Verheiratung der Tochter sanieren. Doch ist dies vorerst noch nicht soweit. Während der Vater den Rest des Vermögens bei dem Versuch, es zu vermehren, verliert, läßt sich die Mutter von einer Kartenlegerin vor Zukunft voraussagen – diese verspricht, glänzend zu werden. Allerdings kündigen die Karten auch dunkle Wolken an, welche dem Glück im Wege stehen könnten. »Das Glück« klopft schon bald in Person des slawonisch Adligen Mandryka an die Tür, doch wird der direkte Weg zur Liebesheirat jäh unterbrochen – sonst wäre die Oper auch schon nach einem Akt aus. Verwirrspiele bringen das junge Paar beinahe auseinander, doch endet die Geschichte – das eine Mal zumindest noch – dann doch glücklich.

Klingt nach Komödie – ist eine Komödie, und sollte auch so verstanden werden. Den Vorwurf der Operettenhaftigkeit entkräften die Musik und vor allem die Figurenzeichnung, und auf beides stützt sich auch die Dresdner (Salzburger) Inszenierung. Florentine Klepper (Regie), Martina Segna (Bühne) und Anna Sofie Tuma (Kostüme) belassen den Handlungsort im Hotel und verlegen die Zeit nur sanft um etwa 50 Jahre nach vorne, also in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts. Das Hotel strahlt (noch) alte Pracht aus, Marmor und edle Metalle zeugen davon, Stuck und Tapeten dagegen bröckeln und blättern nicht nur, sondern sind schon deutlich von Stockflecken und Schimmel befallen. Ein großer Teil des Glanzes liegt also bereits im althergebrachten. Florentine Klepper hatte darauf hingewiesen, daß das Stück wenig Interpretationsspielraum biete, es sei denn, man täte ihm Gewalt an – doch wer will das tun? – und der Fokus in den Personen liege. Und so gestaltet sie auch den alternativen Deutungsansatz einer Traumsequenz im zweiten und dritten Akt milde – war es nun ein Traum oder doch Wirklichkeit? Dies vermeidet Überinterpretation und führt genau dahin, wo das Zentrum des Stückes liegt: eben in den Personen. Diese finden in den reichhaltigen und liebevoll detaillierten Hotelzimmern den Raum, in dem sie spielen können (und verschiedene Besucher, die auch schon in Salzburg gewesen waren, befanden die Semperoper als das [noch] bessere Zuhause dieser Inszenierung). Gerade die Traumszene wimmelt vor Bildern, die es (wieder) zu entdecken gibt. (War das nun der Bär von Thomas Mann oder Nastassia Kinski im Bärenkostüm?)

Nur wenige Aufführungen hat sich die Semperoper gegönnt, aber vielleicht war es auch schlicht eine Frage der Realisierbarkeit, denn man hat für die Jubiläumsaufführungen ein wahres Sängerfest organisiert. Nach Renée Flemming in Salzburg übernahm nun Anja Harteros die Rolle der Arabella in Dresden. Mit lyrischer Strahlkraft blieb sie auch beim kraftvollsten Orchesterbrausen mühelos verständlich, verlieh der Figur Glanz und Schönheit, aber auch eine ganze Menge Eigensinn und Koketterie. Doch beließ sie es nicht beim schönen, verwöhnten »Ding«. Ihre Arabella ist nicht nur launisch, sie träumt und liebt auch innig und bedingungslos – zum Beispiel ihre Schwester. Bis dann Mandryka als Erfüllung ihrer Träume, quasi vom Himmel geschickt, plötzlich vor ihr steht. Thomas Hampson war bestens aufgelegt, um seiner Partnerin ebenbürtig zu sein. Elegant nicht nur im Erscheinungsbild, verkörperte er große Welt und große Sehnsucht gleichermaßen. Auf der Suche nach der (großen) Liebe, fand er die Frau, die er neben »König, Kaiser und Kaiserin« (interessanterweise läßt er also die Königin aus!) als einzige über sich zu erhöhen bereit ist. Nicht zu vergessen: »…und wo ich Herr bin, wirst Du Herrin sein und wirst gebieten, wo ich Gebieter bin!« Erst dann antwortet ihm Arabella mit dem berühmten »Und du wirst mein Gebieter sein…«

Doch sind es nicht nur diese beiden Weltklassesänger, die dem Abend musikalischen Glanz verleihen. Hannah-Elisabeth Müller, als Zdenka nicht nur eine zentrale Figur des Stückes, sondern die zweite weibliche Hauptrolle, begeisterte mit Anmut und jugendlichem Sopran gleichermaßen. Zdenka gerät als Sinnbild der Selbstaufopferung, der Tugend. Sie ist es, die Liebesbriefe für ihre Schwester schreibt, die Rechnungen entgegennimmt, die Matteo liebt (die klar sieht, wo die Eltern versagen). Was andere nur träumen, liegt ihr am Herzen: Glück und Liebesheirat, dafür tut sie etwas und wartet nicht nur, dafür würde sie sich aber auch opfern (für das Glück der Schwester). So hingebungsvoll – wer könnte Zdenka nicht ins Herz schließen? Furios auch Daniela Fally als Fiakermilli. Während Zdenka das Geschehen versehentlich durch ein Mißverständnis antreibt, tut die Fiakermilli dies ganz wissentlich und vorsätzlich. Ihre übertriebenen und gekünstelten Koloraturen und Jodler geraten grandios! Ebenso begeistern Daniel Behle als liebeskranker und -verwirrter Matteo und Benjamin Bruns als heiterer und angriffslustiger Graf Elemer. Doch auch die kleineren Rollen sind nobel besetzt und der Opernchor (Einstudierung: Wolfram Tetzner) in wirklich allerbester Verfassung.

Die »Spielwiese« zu diesem heiter-komischen Stück ist die Musik, ist Komödie und Persiflage, liebevoller Rückblick und hat Schwung, Champagnerlaune. Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden wurden ihrem Ruf als Strauss-Orchester par excellence mehr als gerecht und spielten wie entfesselt, ja, waren kaum zu bremsen. Großer Jubel deshalb, viel Applaus, da bleibt nur eines: hoffen auf ein baldiges Wiedersehen dieser Arabella. Bis dahin und schon in den nächsten Tagen können wir uns trösten, denn es steht jede Menge Strauss auf dem Spielplan der Semperoper. Auch wieder jene Oper, mit der das Jubiläumsjahr so glänzend begann: Elektra (28. November). Und am 18. November gibt es einen Liederabend mit Thomas Hampson und Wolfgang Rieger.

11. November 2014, Wolfram Quellmalz

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