Nachsommerliches Schwelgen auf Schloß Wolkenburg

Sonntag ging mit einem Kammerkonzert die Saison auf Schloß Wolkenburg zu Ende. Nach einem Wochenende mit freundlichen Temperaturen und Farben draußen luden Ib Hausmann (Klarinette), Peter Bruns (Violoncello) und Frank Gutschmidt (Klavier) ein, diese Stimmungen noch etwas nachklingen zu lassen. Ib Hausmann setzt sich mit zeitgenössischer Musik ebenso auseinander wie er gemeinsame Projekte mit Jazz-Musikern verfolgt, daraus auf einen experimentellen oder »jazzigen« Stil zu schließen, wäre aber verkehrt. In Johannes Brahms‘ zweiter Klarinettensonate bewies er, daß er einen besonders warmen, weichen, fast wienerischen Ton beherrscht, der auch in expressiven Passagen oder Crescendi niemals schrill wird, sondern die Ohren verwöhnt.

Ihm zur Seite zauberte Frank Gutschmidt farbenreiche Töne aus dem kleinen Flügel, als Sonatenbegleiter ebenso wie in einem Trio von Alexander Zemlinsky oder mit dem Scherzo cis-Moll von Frédéric Chopin. Einzig die ruhige Nr. 4 aus Robert Schumanns »Kreisleriana« nach der Pause wirkte etwas verloren, was aber weniger der Interpretation als der Auswahl geschuldet gewesen ist. Als Einzelstück aus dem Zyklus gerissen, fehlte hier der Spannungsbogen, kam das Werk aus dem nichts und schien ziellos.

Violoncellist Peter Bruns trug zum Abend mit einer Romanze von Richard Strauss und »Trois pièces« von Nadja Boulanger bei. Strauss‘ Romanze ist überraschend schlicht, scheint weit entfernt von den Opernwerken des Komponisten. Ob er sie deshalb nicht mit einer Opuszahl versehen hat? Peter Bruns und Frank Gutschmidt spielten das extra für diesen Anlaß eingeübte Stück fein und »unaufgeladen« – eine zarte Romanze. Nadia Boulanger ist heute vor allem als Musik-Pädagogin berühmt. Die Zahl ihrer Schüler ist groß und reicht von Astor Piazzolla über Aaron Copland und Philipp Glass bis zu Dinu Lipatti. Schön, daß wieder einmal ihr kompositorisches Schaffen berücksichtigt wurde. Die »Pièces« – wie der Name vermuten läßt, sind es Miniaturen – waren exotische Einsprengsel unterschiedlicher Charaktere in diesem Konzert. Impressionistisches Flirren, ein romantisches Tonbild und ein heftiger Galopp – in kurzer Zeit blättert Nadja Boulanger uns diese kleinen Szenen auf, von Peter Bruns und Frank Gutschmidt mit feinem Pinsel nachgezeichnet.

Erst im Schlußstück des Kammerkonzertes kamen dann alle drei Musiker in Alexander von Zemlinskys Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier zusammen. Ausladend und weitschweifig ist dieses Trio und saugte aus den zuvor gespielten Stücken Energie, Melodien und Farbenreichtum. Ib Hausmann, Peter Bruns und Frank Gutschmidt ließen ihm »lange Zügel«, doch auch hier ohne Übermaß. So blieb der Klarinettenton stets fein, schnarrte kein Cello, dröhnte das Klavier nicht.

Da ließ sich das Publikum (in den ausverkauften Saal mußten zusätzliche Stühle gebracht werden) nicht lange um Applaus bitten und bekam als Zugabe noch ein Stück von Robert Schumann. Die Bearbeitung des Adagios aus den »Studien für Pedalflügel« (op. 56) schloß den Kreis mit jenem Ton, mit dem der Abend bei Brahms begonnen hatte.

3. November 2014, Wolfram Quellmalz

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s