Spuk im Hygienemuseum?

Das war tatsächlich fremd, nicht nur neu oder ungewohnt. Das Cembalo verbinden wir im allgemeinen mit der Musik vor der Klassik. Renaissance oder Barock, Bach oder Vivaldi, ja, aber danach? Tatsächlich gibt es ein danach, und zwar ein hochinteressantes. Gerade unsere französischen Nachbarn haben sich in mit dem Cembalo auch nach dessen »offizieller Außerdienststellung« auseinandergesetzt, man denke nur an die Konzerte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jean Francaix hat eines geschrieben, aber eben auch Francis Poulenc. Moderne Werke für Cembalo und Orchester waren der eine Bestandteile der ersten »Blauen Stunde« der Dresdner Philharmonie in dieser Spielzeit.

Nun hat das Cembalo aus verschiedenen Gründen seine beste Zeit bereits hinter sich. Unter anderem kann es hinsichtlich Dynamik und Lautstärke mit einem modernen Klavier, geschweige denn einem Flügel, nicht messen. Das bedeutet auf der anderen Seite aber auch, daß bei einer Saalgröße wie im Hygienemuseum der Klang des Cembalos elektronisch verstärkt werden muß. In Verbindung mit den modernen Werken stellte sich somit ein wenig Geisteratmosphäre ein (denn in manchen Filmen dieses Genres wird ein elektronisch verstärktes Cembalo für die Begleitmusik verwendet). Gruseln im Hygienemuseum?

Mitnichten! Der Beginn war zwei kurzweiligen Werken Henryk Mikołaj Goreckis vorbehalten. Seinen »Drei Stücken im alten Stil« folgte das Konzert für Cembalo und Orchester op. 40 nach. Die ersteren sorgten mit vielfältigen Stimmungen für Kurzweil, gerieten sehr tänzerisch (Nr. 2), aber auch mystisch. Das dritte Stück, mithin das am modernsten gewandete, erinnerte an Arvo Pärt, der an gleicher Stelle auch ein geneigtes Publikum gefunden hatte. Kein Problem für Dirigent Timo Handschuh, hier mit feinem Strich die kurzen Episoden zu gestalten.

Im Cembalokonzert erklang die eingangs erwähnte Musik, modern in der Anlage, aufbauend auf der Kenntnis der alten Musik und mit einem (künstlich manipulierten) alten Instrument. Das klang fremd, verfremdet, noch mysteriöser als das dritte der Stücke im alten Stil. Christine Schornsheim war hier durchaus nicht nur Interpretin und Virtuosin, ihr Part erinnerte durchaus an einen Spielautomaten, der immer wieder unaufhörliche Achtelnoten aus einem Lochstreifen hervorbringt. Eine frappierende Technik allein genügte jedoch nicht, wie auch der weitere Abend noch zeigen sollte. Spielwitz zum Beispiel hatte die Cembalistin jede Menge mitgebracht.

Mit Maurice Ravels »Ma mère l‘ oye« führte die Philharmonie dann in bekanntere Gefilde. Suiten wie diese gehören einfach zu ihrem Kernrepertoire – da fühlen sie sich zu Hause, da finden sich die Instrumentalgruppen und lassen impressionistische Klangfarben erblühen. Timo Handschuh wurde nicht müde, diese Farbepracht zu beleben und den Musikern den Freiraum zu lassen, den sie benötigen, damit die Musik atmen kann.

Am Schluß kehrte noch einmal das »mystische Cembalo« zurück: Francis Poulenc als einer aus der »Groupe des Six« hat hier ein kleines, großes Konzert geschaffen, voller Themen und Passagen aller Farben. Wie später Gorecki hat auch er vermieden, dem Cembalo das ganze Orchester entgegenzusetzen. Beide Komponisten haben im Gegenteil die unterschiedlichen Instrumentengruppen genutzt, verschiedenen Themen zu verarbeiten, Farben und Charakteren Motive zuzuordnen und aus ihnen ein reizvolles Wechselspiel zu gestalten – da blieb selbst die Pauke nicht außen vor. Mit viel Präzision und Ambition gestalteten Timo Handschuh und Christine Schornsheim das abwechslungsreiche Stück. Eine Blaue Stunde zum Staunen!

27. Oktober 2014, Wolfram Quellmalz

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