Schon wieder Brahms? Aber ja!

Manche Sinfoniekonzerte erfüllen einen schon deshalb mit ungeheurer Vorfreude, weil sie uns hoch verehrte und innig geliebte Musiker ankündigen, wie zum Beispiel Herbert Blomstedt. Am vergangenen Wochenende war er wieder bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden zu Gast, und wie immer hatte er etwas besonderes mitgebracht, ein Stück außerhalb des gängigen Repertoires. Diesmal kam es aus der Heimat des Dirigenten, Schweden: Wilhelm Stenhammers Sinfonie Nr. 2 in g-Moll.

Die Konzertstimmung bei Blomstedt-Gastspielen setzt immer mit dem Auftritt des Dirigenten ein, wie er sein Orchester begrüßt und mit einer Handbewegung »Es geht los!« signalisiert, ist unnachahmlich und unverzichtbar für die menschliche Seite des Dirigenten. Und wenn es dann losgeht, hat er musikalisch einiges mitzuteilen. Diesmal führte uns Herbert Blomstedt wieder in nordische Landschaften. Auch Wilhelm Stenhammers 2. Sinfonie breitet diese vor uns aus, vor allem in den ersten beiden Sätzen. Unendliche Weite und Stille, ein Singen, wie es diesen Landschaften innezuwohnen scheint. Aber auch bei der Volks- und Chormusik Schwedens hat Stenhammer anleihen genommen. Beides, Volks- und Chormusik, spielt in Schweden eine ganz andere und viel lebendigere Rolle als bei uns, und bereichert die Werke klassischen Zuschnitts mit ihren Melodien, ohne wie eine exotische Intarsia zu wirken.

Im ersten Satz vermitteln zunächst Violen und Violoncelli Ruhe und Weite, geraten mit allen Streicherkollegen in einen gleichmäßigen Fluß, unterbrochen von einigen sehr ruhigen Passagen. Diese Unterbrechungen sind regelmäßig, ebenso wird das Motiv mehrfach wiederholt, dabei jedoch jedes Mal stärker, kräftiger, energiegeladener. Herbert Blomstedt verstand es, dieser Energie einen gedanklichen Impuls und eine Richtung zu geben. So endet der Satz, nachdem die »Landschaft«, die Musik quasi erweckt wurde, maestoso.

Auch im Andante beginnen wieder die dunkleren Streicher, nun ein neues Motiv. Nach den Violen setzen zunächst die Celli, dann die Violinen ein, doch dann wird die im ersten Satz erwachte Musik um neue Töne der Holzbläser bereichert, die dem Satz einen pastoralen Charakter verleihen. Rózalia Sabó (Flöte) und Céline Moinet (Oboe) bringen das nordische Stück auf ganz besondere Art zum Leuchten!

Auf den volkstümlichen dritten Satz folgt ein weiteres Allegro, das manchen Kniff der Motiventwicklung aus dem ersten Satz übernimmt, zunächst aber mit einem Fragezeichen zu beginnen scheint. Doch schnell steigert sich auch hier die Musik in heitere Stimmung, bevor sie durch Klarinette (Wolfram Große), Oboe und Flöte einige Zäsuren erfährt. Doch nur, um aus diesen Tiefen neues Material zu schöpfen. Mit einer großen Coda geht das Werk zu Ende.

Die Staatskapelle verstand es meisterlich, die Facetten dieser fremden Sinfonie aufzupolieren.

Und dann Brahms. Eigentlich hatte Beethovens fünftes Klavierkonzert auf dem Programm gestanden, aber Pianist Krystian Zimerman hatte statt dessen Brahms‘ erstes in d-Moll favorisiert. Und obwohl dieses zu den oft gespielten gehört und vor nicht allzulanger Zeit an gleicher Stelle erklang, war es erneut ein Gewinn, dieses Werk zu hören, und das mit so einzigartigen Künstlern. Krystian Zimerman war stets (auch körperlich) dem Orchester zugewandt und schien in der Einleitung etwas von dort aufzusaugen, den Klang – die Poesie. Zimerman ist ein Poet, der sich in den goldenen Streicherklang der Staatskapelle einbetten ließ und sinfonisch im Orchester aufging, der aber auch energisch zupacken und satte Akkordschläge zu erzeugen vermochte. Ein wenig nordisch blitzte es da und dort manchmal – nanu? Kann das sein? Klar! Brahms kam doch aus Hamburg…Wunderschön gerät auch das Adagio – ein sanfter Riese.

Auch das gehörte zu diesem glänzenden Konzertabend: Mitten im Orchester saß Eunmi Lee, Studentin der Musikhochschule Dresden und vielfach preisgekrönt. Zuletzt gewann sie den ersten Preis beim Violinwettbewerb »Camillo Sivori« in Cosenza. Und nun ist sie Akademistin der Staatskapelle. Wieder einmal scheinen sich Tradition und Zukunft die Hand zu reichen.

Vollendet scheint dieser Konzertabend, mit einem stillen, in sich gekehrten Pianisten, der uns vor allem eines bescherte: Brahms, mit einer unglaublichen Noblesse und ohne »Schnörkel«. Was auch in Erinnerung bleibt ist ein geschmeidiges Orchester, das Werke und Interpreten zu umschmeicheln scheint, und ein – wie immer – vitaler Herbert Blomstedt.

25. Oktober, Wolfram Quellmalz

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