Traum und Rückblick – Janáčeks »Das schlaue Füchslein« an der Semperoper

Man stelle sich das vor: jemand, ein moderner Komponist, schriebe eine Oper nach einem Comic. Einer Tierfabel, deren »Held« reichlich menschliche Züge hat, sagen wir »Simons Katze«. Gingen Sie da hin? Wenn dies weit hergeholt erscheint – genau das ist passiert, vor etwa 90 Jahren. Aus der Bildgeschichte des Malers Stanislav Lolek über eine Füchsin (ursprünglich »Schnellfuß«, durch einen Druckfehler dann »Schlaukopf« genannt) erwuchs eine ganze Serie. Der Text stammte von Rudolf Těsnohlídek. Dabei erlebt die Füchsin allerlei Abenteuer, entkommt aus der einen oder anderen bedrängten Lage durch Kniffe und Tricks – dem Fuchs werden seit jeher List und Tücke ebenso zugeschrieben wie Schlauheit und Gewitztheit.

Leoš Janáček müssen diese Geschichten mit ihnen menschlichen Zügen bei der Füchsin und den tierischen bei den Menschen gefallen haben. Der Komponist hatte in vielen Skizzen die Laute der Natur skizziert. Auch den Klang der menschlichen Stimme und die sich darin spiegelnden Gefühle hatte er erfaßt. »Wissen Sie, es war irgendwie eigentümlich – wenn mich jemand ansprach, ich habe seine Worte vielleicht nicht verstanden, aber diesen Tonfall!« (Brief an Max Brodt.)

Dieses Melos hat Leoš Janáček auch in seine Oper »Das schlaue Füchslein« einfließen lassen. Und so gehört der Musik ein gewichtiger Teil des Werkes, das viele rein instrumentale Sätze enthält. Das fabelhafte der ursprünglichen Bildergeschichte, die ineinander verwobenen Ebenen von Mensch und Tier, von menschlichen und tierischen Eigenschaften auf beiden Seiten sowie von Handlung (Gegenwart), Rückblick und Traum blieben erhalten.

Füchsin Schlaukopf wird vom Förster gefangengenommen und nach Hause gebracht. Versuche, sie zu zähmen, enden mit dem Tod beinahe sämtlicher Hühner und der der Bestrafung entgehenden und in die Freiheit fliehenden Füchsin. Wieder im Wald, macht sie sich – etwas unfein – durch Vertreibung einen Dachsbau zu eigen, findet aber auch einen Fuchs, mit dem sie viele kleine Füchslein hat. Derweil träumen der Förster sowie seine Freunde (ein Schulmeister, ein Pfarrer) von der Vergangenheit, der Jugend und der Liebe. Die Titelheldin verabschiedet sich – niedergestreckt von einem Wilderer – frühzeitig aus dem Stück, das aber nicht so tragisch endet, sondern mit einer ihr aus dem Gesicht geschnittenen Nachfolgerin und mit einem das Wiedererwachen der Natur bewundernden Förster.

Regisseur Frank Hilbrich hat – etwas indiskret, wie ich meine – die persönliche Situation Janáčeks bzw. einen Teil derselben (sein Verhältnis zu einer jüngeren Frau) in die Geschichte einbezogen und so den Fokus von der Füchsin auf den Förster gelenkt. Einen alten Förster, der wie fast alle Menschenfiguren im letzten Lebensabschnitt steht. Das ist insofern schade, weil es Janáček zwar auch um den Kreislauf des Lebens ging, bei Hilbrich aber Alter und Tod vordergründig sind. Gestorben wird hier aber weder natürlich noch im Alter, sondern mit Gewalt (Hühner, Füchsin). Der Kreislauf des Lebens nach Janáček bezieht sich eher auf den Jahreskreislauf und hier besonders auf das Wiedererwachen im Frühjahr. Und einen Rückblick auf die Jugend und ihre Liebe kann man auch lange vor dem Alter, in der Mitte des Lebens, halten. Denn bereits dann liegt die Jugendzeit zwei Dekaden zurück – genug Zeit, um über Veränderungen, Alter und Vergänglichkeit zu staunen, darum zu trauern, sich träumend zu erinnern.

Die Bilder, die das Inszenierungsteam (Bühne: Volker Thiele, Kostüme: Gabriele Rupprecht) findet, sind voller Ausdruck und Stimmung. Als Rahmen dient ihnen ein großer Kasten, dessen Wände voller Riefen sind. Sie können – je nach Beleuchtung – Stein oder Holz sein. Große Öffnungen, die sich schließen lassen, geben Blicke nach draußen frei, sogar der Deckel läßt sich – in der abschließenden Traumsequenz des Försters – anheben. Doch auch hier zwingt Frank Hilbrich der Szene Alter und Tod auf. Der Frühling, der laut Geschichte herrschen müßte, findet nur im Kopf des Försters statt, derweil er in herbstlichem Blättergestöber steht. Und auch die vielen Füchslein-Kinder der Füchsin erscheinen ihm nur im Traume.

Gelungen sind zu weiten Teilen die Kostüme, die das Element der Fabel aufgreifen und keine Tiere darstellen, sondern Menschen mit Tierkostümen oder -accessoires. Besonders schön: die Hühnerszene, in der die Füchsin politisiert, die Hennen (Hausfrauen in Kittelschürzen!) gegen ihren Hahn aufzuwiegeln versucht und denselben sowie einige seiner Hennen schließlich erledigt. Etwas statisch wirkten – ohne Mimik – dagegen die übergroßen Puppenköpfe von Pfarrer, Schulmeister und Gastwirt.

Sergej Leiferkus verbringt als Förster fast den ganzen Abend auf der Bühne und keucht, schnauft, stöhnt, wenn keine Musik ertönt. Dies ist der Altersperspektive geschuldet, was man aber schon zu Beginn des Stückes verstanden hat. Die Wiederholungen sind überflüssig und stören eher. Abgesehen davon ist die darstellerische und stimmliche Leistung Leiferkus‘ vortrefflich. Er kann träumen und zürnen und zeigt einen Förster, der – trotz Alter, Schnaufens und Stöhnens – am Leben hängt. Damit dürfte er Janáčeks Vorstellungen entsprochen haben.

Die Füchsin wird betörend und schelmisch von Vanessa Goikoetxea gegeben. Sie ist der große Kontrapunkt zu den »Altersrollen« (nicht einmal der Wilderer – ein Bräutigam! – ist mehr jung) und die Verkörperung einer jugendlichen, ungestümen Heldin. Ihr Sopran strahlt über der Musik – fröhliche, unbezwingbare Vitalität. Schneidig und schon mit einer Spur mehr Klugheit und Lebenserfahrung ist Barbara Senators Fuchs. Und auch in den weiteren Rollen (Jürgen Müller als Schulmeister, Tomislav Lucic als Pfarrer, Gerald Hupach als Gastwirt, schräg: Birgit Fandrey als Hahn) hat die Semperoper eine passende Besetzung gefunden, die auch mit Lust bei der Sache ist, was ebenso für die zahlreichen Kinderrollen (Stimmen des Waldes, Kinderchor: Claudia Schmidt-Krahmer) gilt. Hervorragend präsentiert sich die Staatskapelle, die unter Tomáš Netopil nicht nur volkstümliches Melos ebenso verströmt, sondern auch träumen kann und ihr Blech glänzen läßt.

20. Oktober 2014, Wolfram Quellmalz

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