Der Sänger auf der Violine – Konzertwoche der Philharmonie mit Vadim Gluzman in der Kreuzkirche beendet

Vadim Gluzman war in der vergangenen Woche wieder einmal zu Gast in Dresden und brachte eine »alte Dresdnerin« mit: die Stradivari »ex Leopold Auer« von 1691. Leopold Auer (1845 bis 1930) lebte und unterrichtete unter anderem in Dresden. Seine Violine gehört heute der Stradivari Society Chicago, die das Instrument Vadim Gluzman als Dauerleihgabe zur Verfügung stellt.

Am Sonntag erklangen in der Kreuzkirche das Adagio aus Gustav Mahlers unvollendeter zehnter Sinfonie sowie das erste Violinkonzert »Offertorium« der tatarisch-russischen Komponistin Sofia Gubaidulina. Konzerte, in deren Mittelpunkt zeitgenössische Komponisten stehen, werden von einem Teil des Publikums meist skeptisch gemieden. Das Kirchenschiff der Kreuzkirche beherbergte jedoch erfreulich viele neugierige Besucher.

Mahlers schicksalsbeladene Musik kann einen erdrücken, auch dann, wenn man die Bezüge zur Entstehung der Werke unbeachtet läßt uns sich »nur« der Musik hingibt. Vieles wirkt massiv, ausufernd. Auch sein Adagio ist ein gewaltiges Aufbäumen, ein Schrei nach Erlösung. Die Dresdner Philharmonie unter der Leitung von Reinbert de Leeuw ließ ihr Publikum diesen Schrei fühlen, widerstand aber der Gefahr, im Klangrausch zu versinken. So konnten sich auch Aufheiterung und Erlösung in den Andante-Einschüben entfalten, doch sind diese niemals ungetrübt, selbst die heiteren Klarinetten-Motive oder das Violinsolo (Wolfgang Hentrich) scheinen abgedunkelt, schicksalsbeladen. Erst ganz zum Schluß kommt das Stück ein wenig zur Ruhe, tragen die Streicher, erklingt die Oboe wie Lärchengesang – Erlösung ist möglich…

Dem entgegen setzten die Philharmoniker das erste Violinkonzert Sofia Gubaidulinas. »Offertorium« meint die Darbietung der Gaben. Für die religiöse Komponistin ist dieser Titel nicht nur Etikett, sondern Kernpunkt der Auseinandersetzung. Bezug nimmt sie auf Johann Sebastian Bachs »Musikalisches Opfer«, dessen Motiv sie zu Beginn zitiert, um es auch gleich zu zerlegen und zu verarbeiten. Nachdem es, allerdings aufgeteilt auf die Blechbläser, vorgestellt wurde, beginnt schon mit den ersten Takten der Solovioline des Gastes die Verarbeitung. Die Streicher des Orchesters nehmen die Fragmente auf und verschleifen sie. Und plötzlich klingt es in der Kreuzkirche noch einmal nach Mahler, nur nicht so bombastisch und jetzt mit dem Versprechen nach Erlösung (was zuvor nur eine Hoffnung gewesen ist). Doch zunächst scheinen mit der Aufspaltung des Themas von Bach die Elemente freigelegt worden zu sein, die nun durchs Orchester toben – Vadim Gluzman ist der Sänger auf der Violine, der in einem Zauberwald (Celesta, Klavier, Schlagwerke) von dunklen und hellen Mächten umgeben ist und einen Ausweg finden muß. Diesen zeigt Gubaidulina, deren Werk sich nicht wirr verliert, sondern Klippen überwindet, Pfade bereitet, was für den Solisten einen permanenten Einsatz bedeutet. Halsbrecherische Kadenzen wechseln mit wehmütigen und eindringlichen Passagen. Doch findet die Solovioline immer zu sich selbst, sammelt die verstreuten Elemente auf, setzt sie neu zusammen und führt das Werk zurück zum Thema von Bach (nun aber gespiegelt).

Bemerkenswert waren vor allem die stets und unbeirrbar im Zentrum der Aufführung stehende Solovioline und die »Tuchfühlung« des Orchesters. Da gab es eine sachte Verständigung zwischen Vadim Gluzman und Reinbert de Leeuw, das genügte. Und so war man nach einer guten Stunde Musik nicht erschöpft von auf einen einstürzenden Tongebirgen, sondern tief beeindruckt von der Farbigkeit und Erzählkraft dieser Musik und von der Verbindung von Ausdrucksstärke und Filigranität. Berechtigter großer Applaus für Solist, Dirigent und Orchester.

20. Oktober 2014, Wolfram Quellmalz

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