Fernes und nahes Licht – Vadim Gluzman zu Besuch bei der Dresdner Philharmonie

Es war der achte »Dresdner Abend« der Philharmonie, und es ist auch schön zu erleben, daß dieses Format eine wachsende Zuhörergemeinde zu finden scheint. Wolfgang Hentrich, der die Reihe ins Leben gerufen hat und gestaltet, nutzt das Musikleben der Stadt als Bezugspunkt, was sich in Werken verschiedener Epochen niederschlägt. Schon viele Stücke des 20. Jahrhunderts wurden aufgeführt, aber auch solche der überreichen Vergangenheit des Barock. Dabei kann dieser Dresden-Bezug direkt oder indirekt, stärker oder weniger stark sein. Im Mittelpunkt des gestrigen Konzertes stand der Gast Vadim Gluzman, mit dem die Philharmonie eine freundliche und schöpferische Zusammenarbeit pflegt, welche schon in den kommenden Tagen in einem weiteren Konzert Ausdruck finden wird (Sofia Gubaidulinas »Offertorium« für Violine und Orchester sowie das Adagio aus Gustav Mahlers zehnter Sinfonie, Sonntag, 18:00 Uhr in der Kreuzkirche).

Zu Beginn des Dresdner Abends spielten Vadim Gluzman, Konzertmeister Wolfgang Hentrich und das Kammerorchester der Philharmonie Johann Sebastian Bachs Konzert für zwei Violinen, Streicher und Basso continuo d-Moll (BWV 1043). (Satz 1 war als Ausblick auf das Konzert schon anläßlich des letzten Dresdner Abends im Frühjahr mit Kolja Lessing erklungen.) Die Aufführungspraxis bietet heute viele Möglichkeiten, eine eigene Interpretation zu finden, und die Philharmonie hat sich schon lange für einen adäquaten Weg entschieden, Werke des 17. und 18. Jahrhunderts mit schlankem, romantischem Klang zu spielen. Merke: Der Interpret (bzw. die Interpreten) hauchen dem Weg die Seele ein, also müssen sie ihm etwas von sich geben und dürfen nicht nur versuchen, die Entstehungszeit zu imitieren. Der Ton von Vadim Gluzman, Wolfgang Hentrich und dem Kammerorchester war ein gemeinsamer, geschmeidiger, wie warmes, nahes Licht.

Als erstes Hauptwerk erklang anschließend Pēteris Vasks Violinkonzert »Tālā gaisma« (»Fernes Licht«). Dieses Stück hat die Dresdner schon vor vier Jahren begeistert, als es mit Wolfgang Hentrich als Solisten und Markus Poschner am Dirigentenpult im Kulturpalast aufgeführt wurde. Das damalige Konzert und weitere Gelegenheiten, den lettischen Komponisten in Person und Werk mit der Philharmonie zu erleben, sollte nicht unerheblich für das rege Interesse gewesen sein, das diesem Dresdner Abend gegolten hat – der große Saal des Hygienemuseums dürfte beinahe ausverkauft gewesen sein.

Vadim Gluzman hat »Tālā gaisma« verinnerlicht, so daß er jede Notenfaser zum Schwingen bringen konnte, jede Nuance, jeder Lufthauch zu hören war. Das Philharmonische Kammerorchester, durch Augen-Blicke des Solisten geführt, stand dem in nichts nach. Und so erstand »Fernes Licht« erneut. Mit einem einsamen Vogel, oder ist es ein Windhauch, der zwischen den Grabsteinen (Verena Großkreutz nennt es im Programmheft den Wind über Grabfeldern) pfeift? Karg, kahl, kalt; doch langsam erwacht der Tag (das Licht), breitet sich aus, gibt Zuversicht. Zugrunde liegen dem Stück volkstümliche lettische Melodien, die sich immer wieder, vor allem in den Ruhemomenten sowie in einem fröhlichen, Dumka-ähnlichen Tanz, Bahn brechen. Dazwischen gibt es viel Bewegung und Entwicklung. Ausgehend von einem Thema gestaltet Vasks das Konzert oft in Evolutionen, Wiederholungen mit Veränderungen und Erweiterungen, Steigerungen. Auch enthalten sind drei zum Teil halsbrecherische Kadenzen des Solisten. »Fernes Licht« scheint von einem weiten Land zu erzählen und davon, was auf diesem Land passiert. Menschen leben dort, Menschen ziehen vorüber, ziehen weiter, Wandel und Revolutionen kommen und gehen – und das Land (und die Menschen, die darauf leben) bleiben. So schließt das Werk wieder mit dem Gesang des Vogels (oder dem Wind zwischen den Grabsteinen), wie es begann. In Ruhe, Stille, Sehnsucht.

Wie schon zu Beginn gab es nach der Pause einen Rückblick auf die Vergangenheit. Johann Georg Pisendel ist eine der bedeutendsten Figuren des Musiklebens im historischen Dresden gewesen und hat uns neben vielen Konzerten anderer Komponisten, die er kopiert hat oder welche ihm bzw. seiner Kapelle gewidmet worden sind, auch zahlreiche eigene Werken hinterlassen. So finden sich in der Sächsischen Landesbibliothek auch die Bestände des berühmtem »Schrank No: 2« und darin Pisendels »Fantasie. Imitation des caractères de la danse«, eine kleine Suite in G-Dur. Eine entzückende kleine Studie, die in manchem (»Canarie«, »Musette«) von den heute geläufigen Tanzsätzen der Suiten dieser Zeit abweicht. Unter Wolfgang Hentrichs Leitung wiedererstanden, war das Stück – nur sieben Minuten lang – viel zu schnell vorbei.

Von dieser Heiterkeit und dem Frohsinn Pisendels ausgehend, erfolgte wieder eine Umkehr. Denn Dimitri Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 ist voller Düsternis und Beklemmung. In der Bearbeitung Rudolf Barschais für Kammerorchester (Kammersinfonie c-Moll op. 110a) ist dies nicht anders – im Gegenteil erscheinen die bedrückenden Elemente noch massiver. Wolken dräuen sich, Bedrohung, Flucht, ein gepeinigtes, gejagtes Individuum – Schostakowitsch selbst? Er hat sich mit der ihm eigenen (Selbst-)Ironie zu dem Stück (dem Quartett) geäußert, von dem er glaubte, daß es dem Regime nicht gefallen konnte. Daß aus Bedrohung nicht nur Angst entspringt und Angst nicht nur zum Schrei führt, dafür braucht es in der musikalischen Umsetzung eine vibrierende Interpretation, die auch dann noch differenzieren und beben kann, wenn alles in Lärm zu gleiten droht. Das Philharmonische Kammerorchester kam nie in diese Gefahr, sondern blieb auch hier dem Komponist und dem Solisten stets auf den Fersen. Lebendig, erregt, auf der Flucht, aber immer mit dem Willen und Gedanken zu Rettung. Hoffnung und Verzweiflung sind der letzte Ton, aber an diesem Abend überwog die Hoffnung. Und Stille im Publikum, aus dem sich langsam der Applaus erhebt.

16. Oktober 2014, Wolfram Quellmalz

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s