Nachtausgabe – Opernerstling erstmals in Deutschland aufgeführt

Auch das gehört zur Tradition: nicht nur die »Evergreens« zu spielen und die Engel der Sixtinischen Madonna zu verkaufen, sondern sich auf das zu besinnen, was die Tradition gründete oder aus ihr herauswuchs. Peter Ronnefeld, einst Deutschlands jüngster Generalmusikdirektor, wurde in Dresden geboren und wuchs an der Elbe auf. Schon mit fünfzehn Jahren studierte er an der Musikhochschule Berlin, mit 21 lehrte er (!) am Mozarteum Salzburg. Dort entstand auch seine erste Oper »Nachtausgabe«. Das Format der Studiobühne aufgreifend spielt das etwa einstündige Werk mit den Formen und verbindet diese. Stilisierte Koloraturen, ein (scheinbarer) Kriminalfall und die kurzlebige Welt der Presse – alles in einem. Obwohl die Uraufführung bejubelt wurde, verschwand das Stück danach praktisch von der Bildfläche.

Nun hat es die Sächsische Staatsoper – zur deutschen Erstaufführung! – auf die Bühne von Semper2 gebracht. Regisseur Manfred Weiss und sein Team (Bühne: Arne Walther, Kostüme: Nina Reichmann, Lichteffekte: Steffen Adermann) haben die Entstehungszeit des Stückes – die fünfziger Jahre – aufgegriffen und eine Kulisse in schwarz-weiß geschaffen. Die Fassadenlandschaft enthält alles, was man sich denken kann: Fenster, verwitterte Ziegel, Blumen, Kanalisationsdeckel, Laternen, ein Vogel auf einem Ast, der von einer aus dem Fenster sehenden Katze beobachtet wird. Die Räume, in denen gespielt wird, sind offen oder halboffen, so agieren die Sänger und Schauspieler auf engem Raum, ohne das umgebaut werden oder sich etwas bewegen muß. Farbe bringen die blumigen bis schrillen Kostüme herbei – es ist ein großer Comic (der 50er Jahre), den wir uns ansehen.

Zu Beginn regnet es. Zwei Damen (schräg und komisch: Even Hughes [Baß] in geblümtem Kleid und Mantel als Emma Becker, Christiane Hossfeld als temperamentvolle Anna Pachulke – sie gehört zu den Menschen, die sich an einem guten Frühstück von einem Schrecken erholen) verplaudern sich über belangloses – das Wetter – und verpassen den Zug (man wollte verreisen). Daß sich Frau Pachulkes Tochter Renée (Jennifer Riedel) sowohl als Aktmodell als auch als Journalistin betätigt UND dazu noch das Opfer in einer fingierten Entführung mimt, wissen sie nicht. Töchterchen Renée strahlt mit ihrem Sopran über allen, ist Jugend und Frische und wickelt die Männer (Julian Arsenault als Lothar Witzlaff, der sich vom Leben und der Flasche zu Gedichten inspirieren läßt, Patrick Vogel als Maler »Ping« und Christopher Tesi als dessen Freund und Kollege Mario sowie Tom Martinsen als Chefredakteur Dr. Stilblüte) um den Finger (oder war das ein anderer Körperteil?). Dabei persiflieren Stück und Inszenierung jedes Klischee, bleiben aber immer nah genug an der Realität des Lebens – man kann darüber lachen, man kann es liebhaben, und wahr ist es auch noch!

Peter Ronnefeld hat dies mit seiner Musik und seinem Text unterstrichen, die gleiches tun: sie persiflieren, doch jenseits jeder Bosheit, mischen neues darunter und sorgen für Abwechslung. Es geht Schlag auch Schlag, da dürfen alle Beteiligten ihren Spaß haben, auch die Giuseppe-Sinopoli-Akademie unter der Leitung von Ekkehard Klemm, der hier wieder einmal in seinem Element ist: etwas neues fördern, etwas vergessenes ausgraben. Und den Nachwuchs dabei gekonnt einbeziehen.

Ach – aufgelöst wird das Knäul der Verwirrung natürlich, wie es sich (klassisch!) gehört: Der Kriminalfall wird gelöst, Ping bekommt seine Renée (und Frau Pachulke ihr Töchterchen) zurück, dem erfolgsheischenden Kommissar (Sebastian Wartig) soll ein ganzer Artikel, ein Portrait, in der »Nachtausgabe« gewidmet werden und der Wachtmeister (Karl-Heinz Koch), die einzige Sprechrolle des Stückes, ein wenig »Frosch«, hat für Ordnung gesorgt. (Und wenn die Ordnung versagte, hatte er in seiner Pistolentasche – nein, keine Pistole – einen »Seelentröster«.) Ein wenig »La bohème« mit happy end.

Nur eines bleibt offen: Werden Frau Becker und Frau Pachulke jemals zu ihrer »Landpartie« aufbrechen?

12. Oktober 2014, Wolfram Quellmalz

weitere Vorstellungen am 26., 28. und 29. Oktober

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