Félicitation! Zum Literatur-Nobelpreis für Patrick Modiano

Streitbare Entscheidungen hat es in den letzten Jahren gegeben, überraschende, diskutiert wurde stets viel. Die Reaktionen zur Vergabe des Literatur-Nobelpreises 2014 sind diesmal einhellig und zustimmend. Die Jury lobt die einfache und raffiniert gewobene Sprache des Autors, seine Erinnerungskultur wird allenthalben hervorgehoben.

In der Tat ist Patrick Modiano stets auf der Suche nach Vergangenheit und Identität. Er webt ein Geflecht von Beziehungen, feiner hier, gröber da – wie das Leben eben so spielt. Genau dies ist eines der Geheimnisse seiner Bücher: den Faden finden und ihm folgen, nichts künstlich aufbauschen, nichts abschneiden oder abreißen, sondern ein Gespinst wachsen lassen – mit Raffinesse. Dabei umgeht Modiano die auktoriale Falle, alles zu wissen und zu sagen. Im Gegenteil kommt es ihm darauf an, Puzzleteile und Schnipsel zu finden und zusammenzusetzen. Oft sind die Hauptpersonen seiner Romane auf der Suche nach der Vergangenheit, nach dem Vater, der Geliebten, der Jugend. Bilder, Photos, Erinnerungen werden verkettet, doch bleibt häufig bis zum Schluß offen, ob dies zum gewünschten Ziel führt oder in einer Sackgasse endet, die den Protagonisten zur Umkehr zwingt. Oder er entdeckt, nachdem endlich der Schlüssel für eine lange verschlossene Tür gefunden ist, daß sich dahinter nichts weiter befindet als ein langer dunkler Gang mit noch mehr Türen. Nicht zuletzt erweisen sich Erinnerungen, Aussagen und sogar Photos oft als trügerisch.

Suchen, bewahren, entdecken – die Welt des Patrick Modiano. Sein schlichter, raffinierter Stil zeigt sich auchi darin, daß Modiano mit wenigen Worten Atmosphäre schafft (bzw. wiedergibt), und so Straßen und Plätze ebenso vor dem Auge des Lesers entstehen wie Läden und Cafés oder Personen. Man riecht förmlich den Duft frischer Brioches, hört Silberlöffel in Kaffeeschalen rühren, atmet den Duft auf der Gasse vor dem Gewürzladen, Nebel schlägt sich nieder… Mit seiner Erzählkunst folgt Patrick Modiano nicht nur der Erzählkunst eines Albert Camus, sondern auch jener von Filmemachern wie François Truffaut oder Eric Rohmer.

Patrick Modiano ist nicht nur ein Erzähler, sondern ein Betörer, der uns (meist) nach Paris entführt, und vor allem für Menschen, die diese Stadt kennen und lieben, eine ungeheure Entdeckung. Der Hanser-Verlag wird sein neuestes Buch, »Gräser der Nacht«, schon in den kommenden Tagen auszuliefern beginnen. Unsere Empfehlung: »Die kleine Bijou« von 2001.

10. Oktober 2014, Wolfram Quellmalz

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