Kammersinfonisches Konzert der Dresdner Kapellsolisten

Der erste Kammerabend des Tonkünstlervereines in dieser Saison war dem Jubilar Carl Philipp Emanuel Bach, zwei seiner Brüder sowie Kollegen ihrer Kreise gewidmet. Vor allem ließ das Konzert mit feiner, wenig gespielter Musik aufhorchen und erkennen, wo viele Merkmale der Klassik ihren Ursprung haben.

Zum Beispiel in Carl Philipp Emanuel Bachs Sonata g-Moll für Viola da gamba und Cembalo obligato (Wq 88). Schon hier hat der Komponist dem Cembalo (an diesem Abend ein Hammerflügel: Jobst Schneiderat) nicht mehr die Begleiterrolle, sondern die eines Gestalters und einer Melodiestimme zugeschrieben, die sich in trauter Zweisamkeit mit der Viola abwechselt und ergänzt. Diese Auseinandersetzung und den Wandel der Stimmen erleben wir später bei Mozart und vor allem Beethoven wieder, indes hat Carl Philipp Emanuel Bach dies schon viele Jahre früher begonnen. Im Konzert gestern (Viola da gamba: Thomas Grosche) wurden, nicht zuletzt durch die Wahl der Instrumente, Vertrautes aus der Vergangenheit und die Zukunft der Sonate gleichermaßen dargeboten. Das Werk dürfte auch in vielen anderen Besetzungskombinationen (Violoncello, Cembalo, moderner Flügel) erlebenswert sein.

Intimität wohnte dem gesamten Kammerabend inne, welcher eigentlich in einem viel kleineren Raum als der Semperoper zu Hause gewesen wäre. Die Kapellsolisten – vor allem die Solisten der Kapellsolisten – schafften es aber, mit ihrem innigen Spiel den realen Ort vergessen zu machen und die Musik allein gelten zu lassen. Schon mit Johann Christian Bachs Quatuor C-Dur für zwei Violinen (Susanne Branny, Jörg Kettmann), Viola (Stephan Pätzold) und Baß (Violoncello: Andreas Priebst, Kontrabaß: Helmut Branny und Hammerflügel) stand ein erstaunliches Stück auf dem Programm. Durch Zusammenklang und Selbstverständnis der musikalischen Idee wurde hier ein Quartett vermittelt, das keine Fragen offenließ und dem nichts fehlte, auch wenn es »noch« einen Baß enthielt. Ein ausgewogener Dreiklang der Streicher, das war »häusliche Hofmusik« mit einem Rondeau, das kein bißchen altbacken wirkte. Durch solche Aufführungen wird die Zeit der Vorklassik nicht als Vorstufe, der also noch etwas fehlt bis zum »eigentlichen« (Quartett), abgewertet, sondern als eigenständig und wahrnehmenswerte Periode vermittelt. Ganz klar: Mozart, Beethoven und auch Schubert haben hier auf etwas aufgebaut, das sie kannten und wertschätzten.

Auch vom »Dresdner Bach« Wilhelm Friedemann war wieder etwas zu hören. Nach der Sinfonia d-Moll (Fk 65, Dresdner Philharmonie im Hygienemuseum am 28. Mai) nun seine Sinfonia F-Dur (Fk 67). Auch in der kleinen Besetzung (wie im Quartett Johann Christians) trat der sinfonische Charakter hervor, gleichzeitig erschien das Werk aber filigran, zerbrechlich und spielte mit tänzerischen Formen, wie man sie aus der Suite kennt. Zudem enthält es einigen Überraschungen, vor allem an den Satzenden, und wirkte in der schlanken Aufführung sehr erfrischend.

Den sehr intimen Rahmen weiteten die Kapellsolisten am Ende mit zwei größer besetzten Werken auf. Einmal mit Carl Philipp Emanuel Bachs Sinfonia für Streicher G-Dur (Wq 182 / 1), welche den Abschluß bildete. Zuvor jedoch brachte das Johann Gottlieb Graun zugeschriebene Concerto C-Dur für Fagott, Streicher und Basso continuo (C:XIII:66) italienisches Flair ins Schloß (nein, in die Semperoper, aber das hatten wir ja vergessen). Dieses kleine funkelnde Schmuckstück begeisterte das Publikum besonders, was nicht zuletzt der hinreißenden Aufführung anzurechnen ist. Erik Reike spielte mit einer Eleganz, hatte eine Weichheit im Ton, mit der er die Läufe abgerundet und seinem Virtuosentum eine Leichtigkeit verliehen hat, die atemberaubend war für alle – nur für ihn scheinbar nicht. Da durften auch die Kapellkollegen begeistert sein!

6. Oktober 2014, Wolfram Quellmalz

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