Christoph Willibald Gluck zum 300. Geburtstag: Merlins Insel oder Die verkehrte Welt

Ja, auch Christoph Willibald Gluck gehört zu den musikalischen Jubilaren 2014. Nicht dem Gedenken, sondern seinem 300. Geburtstag gilt dieser Jahrestag. Sich darüber zu beklagen, daß andere Komponistenjubiläen übermäßig bedacht würden und es zu wenig Aufführungen der Werke Glucks gebe, wollen wir deshalb auch unterlassen, das gehört nicht zu einer Feier. Und schließlich haben wir allen Grund, uns über eine weitere Bereicherung zu freuen, denn nachdem die Opernklasse der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden in den vergangenen Jahren schon erfolgreich in Aufführungen mit vielen regionalen Partnern kooperierte (Staatstheater Dresden, Hochschule für Bildende Künste Dresden, Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy Leipzig, Palucca Hochschule für Tanz Dresden), hat sie für ihr neuestes Projekt das Conservatoire des Musique Strasbourg und das Heinrich-Schütz-Konservatorium Dresden gewonnen.

»Merlins Insel oder Die verkehrte Welt« (»L’île de Merlin ou Le Mond Renversé«) ist am vergangenen Wochenende in drei Aufführungen im Labortheater der Hochschule für Bildende Künste Dresden gespielt worden, Anfang November wird es weitere drei Male bei den Partnern in Strasbourg gezeigt. Das Stück wurde 1758 am Wiener Hof uraufgeführt und ist durch die französische Tradition kurzer, komödiantischer Singspiele angeregt, die unter anderem auf Märkten geboten wurden und aktuelle Themen satirisch verarbeiteten. So verschlägt es im vorliegenden Fall Pierrot und Scapin, zwei Abenteurer, auf Merlins Insel, auf der es ganz anders als in Paris zugeht: alles scheint den Regeln des gesunden Menschenverstandes und der Gerechtigkeit zu folgen, doch gibt es auch ein paar merkwürdige Gestalten, wie einen heiteren Philosophen, einen unbestechlichen und gerechten Staatsanwalt und dergleichen mehr. Und da sind auch Diamantine und Goldblondine, die nicht nur gutaussehend, sondern auch vermögend sind und sich in die beiden Abenteurer verlieben…

Christine vom Scheidt, selbst in deutsch-französischen Verhältnissen aufgewachsen, hat das Stück gemeinsam mit Elise Sophia Richter (Bühne) und Lisa Schoppmann (Kostüme) in keine bestimmte Zeit verlegt, sondern eine »immergültige« Version geschaffen. Die beiden sehr unterschiedlichen Aufführungsorte führten zu Einschränkungen hinsichtlich des Bühnenbildes, doch wurde dies vorteilhaft gelöst, indem sich der Schauplatz auf die Insel konzentriert und die Umgebung ausspart bzw. unklar und diffus beläßt. Das Orchester sitzt hinter einem durchscheinenden Vorhang, auf den anatomische Zeichnungen, mathematische, physikalische und chemische Symbole sowie Vielflächner gemalt sind – ist Merlins Insel nur ein großes Experiment im Labor?

Andreas Baumann (Koordinator), Franz Brochhagen (musikalische Leitung) und Christine vom Scheidt haben ein lebendiges Märchen auf die Bühne geholt, das als Stück, im Format und der Inszenierung durchaus auch für junges Publikum geeignet ist und auch ohne Vorkenntnisse verstanden wird. Die Einbeziehung der Musiker des Jugendsinfonieorchesters und der Sänger und Darsteller zweier Nationen war sicher eine Herausforderung, die aber sehr gut gelungen ist. Nicht zuletzt sind Erfahrungen wie auf der Bühne eben im Unterricht nicht zu machen, und die Leistung des agierenden Nachwuchses kann gar nicht hoch genug gelobt werden. Auch die Verständlichkeit der gesprochenen und gesungenen Texte war schon sehr gut – bleibt zu hoffen, daß dies den Deutschen Darstellern in Strasbourg, wenn die Oper in französischer Sprache gegeben wird, ebenso gelingt. Stück und Ensemble – dies ist man von den Hochschulproduktionen gewohnt – stehen im Vordergrund und stellen weder Stars noch Inszenierungseffekte heraus.

Klar und bunt sind die Kostüme: Pierrot (heiter und unternehmungslustig: Damien Gastl) und Scapin (zuweilen nachdenklich, doch nicht minder fröhlich: Henrik Marthold) kommen sehr einfach, rustikal und abenteuerlich daher, Diamantine (Katharina Kühn) und Goldblondine (Melanie Romer) in glänzenden Kleidern, alle anderen Personen tragen einen über Kopf, Hände und Füße gehenden schwarz-weißen Karoüberzug, der nur das Gesicht freiläßt, wie eine Tierhaut und darüber der Rolle entsprechende Umhänge, Röcke und Accessoires, die sich farbenprächtig vom Schwarz-Weißen-Gewürfel abheben. Auch glänzt irgendwo immer ein Band oder eine Schnalle seidig. Geordnet, bunt, gefällig, so erscheint Merlins Welt, wie man sie sich wünschen würde, aber eben auch ein wenig künstlich, denn nichts, vor allem nichts Lebendiges oder Eßbares, ist »normal« bzw. echt.

Und so erinnert Merlins Insel nicht erst zum Schluß, wenn Hanif (Jonas Finger, auch als Philosoph und Chevalier zu erleben) und Zerbin (Sophie Belloir, auch als Hippocratine) auftreten, denen die Mädchen schon versprochen waren, und der Notar (Olivier Lagarde, auch als M. Prudhomme) um das Recht würfeln (!) läßt, diese verkehrte Welt an den Buntbärenwald von Walter Moers‘ »Ensel und Krete«. Pierrot und Scapin ermüdeten schon beim Lied des Glücks, welches ihnen der Philosoph vortrug, und ihr Erstaunen und Verwundern über diese Welt läßt nicht nach – alles ist so anders als in Paris! – und oft ein wenig komisch für die beiden. Was sie dennoch hält, sind Diamantine und Goldblondine – was wäre Merlins Insel ohne diese beiden wert? Das zeigt sich zum Schluß, als der Zauberer (Nikolaus Nitzsche, auch als Staatsanwalt und M. Treuherz) gottgleich, als Deus ex machina eingreift und die »rechte« und notariell ermittelte Entscheidung der Würfel zugunsten Hanifs und Zerbins außer Kraft setzt und Pierrot und Scapin mit Diamantine und Goldblondine zusammenbringt. Sie feiern ein Fest mit höfischem Tanz – ganz nach Vorschrift. Als dann Pierrot und Scapin den Tanz in ihrer Manier und Pariser Sitte beleben und nach ihrem Geschmack handeln, unterbindet dies der erboste Merlin. Der höfische Tanz geht – nun ohne Musik – zuende. Das Licht verlöscht. Erkenntnis: Paris ist durch nichts zu ersetzen!

29. September 2014, Wolfram Quellmalz

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