Doppelter Brückenschlag: Musikbrücke Prag – Dresden gastiert in der Frauenkirche

Erstmalig war das Collegium 1704 zu Gast in der Dresdner Frauenkirche. Sonst ist das Ensemble in der Annenkirche zu Hause, diesmal trat es im Rahmen der Konzertreihe »Brücken – Klangspuren – Italien« auf. Dem Anlaß und (liturgischen) Hintergrund gemäß war das Programm (Bach: Orchestersuite, Händel: Kantate, Vivaldi: Psalmvertonung, Pergolesi: Stabat Mater) bunt gemischt, doch erinnerte Vaclav Luks zuvor daran, daß die heute gewohnte strenge Trennung der Musik damals noch nicht so scharf war. Opern- und Kirchenmusik griffen auf gleiche und ähnliche musikalische und dramaturgische Kniffe zurück (was man Pergolesi sogar vorgeworfen hatte), Johann Sebastian Bachs Orchestersuite D-Dur ist vermutlich für den (festlichen) Köthener Hof entstanden, aber auch im Rahmen der bürgerlichen Konzerte des Collegium musicum in Leipzig erklungen. Ein gemeinsamer musikalischer »Nenner« war also vorhanden.

Das Collegium 1704 hat einen ganz eigenen Klang gefunden und über die Jahre verfeinert, der von großer Eleganz, Spielfreude und Lebendigkeit gekennzeichnet ist. So ist seit der Gründung eine innere Bindung entstanden, die neben tschechischen und deutschen Musikern auch immer wieder mitwirkende Gäste und Solisten zuläßt und aufnimmt, ohne daß der Charakter bzw. Klang des Orchesters verlorenginge oder »normalisiert« erschiene. Sergio Azzolini war schon zu Gast, diesmal kamen Roberta Invernizzi und Marina de Liso mit nach Dresden.

Schon in Bachs beliebter Orchestersuite konnte sich der Collegium-1704-Klang entfalten und es zeigte sich zur Beruhigung, daß er weder an einen bestimmten Ort gebunden noch mit der Frauenkirche nicht vereinbar gewesen wäre. Von Beginn schwebte dieser Klang, ganz mühelos, glänzend, einmalig, so daß man nicht nur die solistischen Pauken und Trompeten donnern und strahlen hören, sondern auch jede Oboenmelodie verfolgen konnte. Und dies wurde in Händels genialem Frühwerk »Ero e Leandro« noch durch Roberta Invernizzi bereichert. Die weltliche Kantate greift einen Stoff aus der griechischen Mythologie auf: Leander durchquert nachts den Hellespont, um zu Hero zu gelangen. Diese zündet ihm stets ein Licht an, an dem er sich orientieren kann. Als der Sturm dies eines Nachts löscht, kommt Leandro von seinem Weg ab und ertrinkt. Doch Hero trauert nur kurz und begibt sich ins Wasser – kein Suizid, sie geht freudig, denn es ist der Weg, der sie zu Leandro bringen, sie mit ihm vereinen wird. Unterstützend wird die Sopranistin zusätzlich von einer virtuosen Solovioline begleitet, welche an der Dramaturgie mitgestaltet. Helena Kornfeld Zemanová brillierte hier, auch, wie man sagen muß – die Konzertmeisterin gehört zu den tragenden Instrumentalisten des Collegiums. Roberta Invernizzi ließ ihre Zuhörer die ganze Gefühlswelt der Hero durchleben, rief den Himmel an, zürnte auch – doch nur kurz, um sich dann dem hinzugeben, was nicht Selbstmord war, sondern Hero den Weg der Liebe eröffnete. Es ist phaszinierend, diese ganz großen zu erleben, Cecilia Bartoli, Matthias Goerne oder eben Roberta Invernizzi, wie sie ganz ohne Anstrengung und Kraft, mit einem Hauch, diesen Kirchenraum zu füllen vermögen. Die Arie »Si muora, si muora« (»Ja, stirb, ja, stirb«), wenn Hero – quasi außenstehend – ihre Seele besingt, war ganz sicher ein Höhepunkt dieses Abends.

Marina de Liso stand ihrer Kollegin in nichts nach. Dunkel, samtig, leuchtend und kraftvoll gab sie der Psalmvertonung »Nisi dominus« Antonio Vivaldis eine Seele. Die ambivalenten Erzählfäden von Text und Musik, die Kinder als Gabe des Herren preisen und gleichzeitig in Trauer und Schwermut versinken, wie es Vivaldi im Hinblick auf die Waisenkinder des Ospedale della Pietà wohl verstanden wissen wollte, verkörperten die Mezzosopranistin und das Collegium 1704, als wären sie nur dafür, und für nichts anderes auf der Welt. Damit schufen sie eine emotionale Spannung, die sich auch auf das Publikum übertrug und keinen Gegensatz zum dramaturgisch ausgefeilteren Charakter einer Kantate, wie es Händels Stück zuvor gewesen war, verspüren lies.

Die Idee der Brücke – Italien wird in vielleicht keinem Konzert der Reihe so dominierend verkörpert in jenem des Collegiums 1704. Alle Pracht, Virtuosität, der ganze Einfallsreichtum, aber auch die Opernhaftigkeit sakraler Stücke Italiens in jener Zeit wurden hier zum Leben erweckt. Abschließend mit Giovanni Batista Pergolesis »Stabat Mater«. Roberta Invernizzi und Marina de Liso verschmolzen hier zu einem traumwandlerischen Duett. Während nach solistisch besetzten Stücken zunächst der Mezzosopran als der kraftvollere erschienen war, zeigte sich nun, daß sich beide hervorragend aufeinander einzustimmen vermochten und sich gegenseitig beglänzten. Auch das gehört zu den Konzerten des Collegiums 1704: es gibt keinen alles überstrahlenden Star, jeder ist Teil des ganzen, und das ganze ist Musik.

Am 8. Oktober bereits wird das Collegium 1704 bereits wieder nach Dresden zurückkehren und in der Annenkirche auftreten. Werke von Bach, Schütz und Bernhard stehen dann auf dem Programm des Konzertes, welches zu den Heinrich-Schütz-Tagen zählt. Auch das fabelhafte Collegium 1704 wird dann wieder zu erleben sein.

21. September 2014, Wolfram Quellmalz

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