Das Schicksal herausgefordert?

Martin Kušej hat im vergangenen Dezember an der Bayerischen Staatsoper Giuseppe Verdis »La forza del destino« inszeniert. Im Sommer stand das Stück mit exzellenter Besetzung auch auf dem Spielplan der Münchner Opernfestspiele.

Das Schicksal, Schicksalsgläubigkeit und -abhängigkeit, aber auch die Verantwortung des Menschen für sein eigenes Schicksal, immer wieder tritt diese Verflechtung hervor in der Inszenierung von Martin Kušej. Schon das Programmheft, gespickt mit Schnappschüssen von Katastrophen unserer Tage, läßt keinen Zweifel daran, daß der Mensch auch Täter, nicht nur Opfer ist. Bilder des 11. September 2001, von Naturkatastrophen, von Staatschefs und Militärführern, aber auch von Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela und von versehrten Opfern geben mehr als nur zwei Seiten »schwarz und weiß« wieder und werfen vielschichtige Fragen auf, die über das Täter-Opfer-Schema hinausgehen. (Wie »natürlich« zum Beispiel sind denn Naturkatastrophen in einer durch den Menschen bedrängten Natur?) Nicht zuletzt sind es der Umgang der Medien mit den Nachrichten und unsere Auseinandersetzung mit den Nachrichten der Medien, die Martin Kušej in den Fokus rückt. »Die Wahrheit« oder eine objektive, richtende Perspektive, gibt es dagegen nicht – Kušej will offenbar fragen, nicht richten. So stehen Ziele und Ideale, Moral und Entscheidungskonflikte im Vordergrund. Aber auch die Würde, die Würde der Opfer beispielsweise. Eines der stärksten und schockierendsten Bilder ist jenes zu Beginn des zweiten Aktes. Die Szene spielt sich eigentlich in einem Wirtshaus ab, in dem die Hauptpersonen aufeinandertreffen. Draußen, also im Bühnenhintergrund, zieht ein Pilgerchor vorbei, der »Ewiger Gott und Vater, erbarme dich!« singt, während drinnen das Volk in Hochstimmung auf den Krieg gebracht wird (und sich bringen läßt). Martin Kušej und Martin Zehetgruber (Bühne) haben diesen Ort verlassen und läßt die Szene vor der Fassade des World Trade Centers stattfinden, in das gerade ein Flugzeug eingeschlagen ist (das entsprechende Nachrichtenbild ist am Endes des Programmheftes abgedruckt). Ein riesiges Loch, in dem es beständig raucht, zeugt von der Katastrophe. Durch die Änderungen in Zeit und Ort erklingt der Pilgerchor hinter der Bühne nicht mehr draußen, sondern wird zum Chor jener Opfer, die im World Trade Center umgekommen sind. Das ist schockierend und auch ungeheuer zynisch, pietätlos. War es so gemeint? Auch hier sei noch einmal auf das Programmheft verwiesen, das auf Seite 47 das Bild eines Computerspieles »Kill Osama Bin Laden« zeigt – kaum weniger zynisch!

Vielleicht ist das der bedeutendsten Ansatz von Martin Kušejs Inszenierung: die Infragestellung unserer Nachrichten, des Umganges mit denselben und die Wahrnehmung von Wahrheit, aber auch die Infragestellung traditioneller Täter- und Opferrollen. Dies läßt sich auch auf die Handlung der Oper oder deren Entstehungszeit übertragen. Giuseppe Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave schrieben ihr auf einem Drama Don Ángel de Saavedras basierendes Stück in einer Zeit, in der sich nach vielen kriegerischen Machtkämpfen und mißglückten Revolutionen gerade unter Camillo Graf Benso di Cavour und – ihm nach dessen frühen Tod nachfolgend – Vittorio Emmanuele II. ein stabiler Nationalstaat (den europäischen Großmächten nachfolgend) etablierte. Cavours und Vittorio Emmanueles Politik war gemäßigt und zielte darauf ab, die militärische Begeisterung und Erwartung der Massen zu dämpfen. Die Handlung von »La forza del destino« wiederum spielt etwa einhundert Jahre zuvor, zur Zeit der österreichischen Erbfolgekriege. Die Kriegsbegeisterung zu Verdis Zeit zu hinterfragen, bloßzustellen und zu ironisieren, ist durchaus angebracht und wird dem Stück gerecht. Doch sie mit den Erfahrungen zweier Weltkriege (die weder Saavedra noch Verdi oder Piave vorausahnen konnten) so zynisch zu übersteigern, nicht. Trotzdem gelingt es Martin Kušej, die Schicksalsfrage als solche der Hauptpersonen zu stellen, der Menschen also, die persönlich und nicht nur gesellschaftspolitisch stellvertretend betroffen sind.

Das Inszenierungsteam arbeitet mit starken Bildern, läßt die eigentliche Geschichte aber unangetastet. Leonora, Tochter des Marchese di Calatrava, und Alvaro, Mestize und (mütterlicherseits) Nachkomme der Inkas, lieben sich. Leonoras Vater, der Marchese di Calatrava, der Alvaro für nicht würdig befindet, will diese Verbindung nicht zulassen. Nach dem entdeckten Fluchtversuch (zuvor haben Leonora und Alvaro noch dreifach ihr Schicksal herausgefordert: »…mit Dir furchtlos das böse Schicksal herausfordern…«, »…uns kein Schicksal trennen kann…«) der beiden Liebenden kommt es zu einem Streit zwischen dem Marchese und Alvaro. In dessen Verlauf ergibt sich Alvaro, doch ein Schuß aus seiner weggeworfenen Pistole tötet Leonoras Vater und löst damit eine Kette von Ereignissen aus, welche die Schicksale Leonoras, Alvaros und Leonoras Bruders Carlos über Jahre bestimmen werden.

Immer auf der Flucht oder auf der Suche, erfüllt von der Sehnsucht nach Liebe, Frieden oder Tod oder nach Rache treibt es die drei umher. Wechselnde Tarnungen und Identitäten tragen das ihre zu einem Verwirrspiel bei, an dessen Ende sich nur eines zu erfüllen scheint: Carlos‘ Rache. Im Duell mit Alvaro wird er tödlich verwundet, doch bleibt ihm noch Gelegenheit, seiner Schwester den Todesstoß zu versetzen – Alvaro bleibt allein zurück. Während er sich in der Originalfassung von 1862 (Uraufführung in St. Petersburg) noch das Leben nimmt, hat Giuseppe Verdi den Schluß später geändert (Uraufführung der zweiten Fassung 1869 in Mailand, die Münchner Inszenierung basiert auf der 1926 in Dresden uraufgeführten Fassung mit Bearbeitungen von Franz Werfel): Alvaro bleibt am Leben, widmet dieses aber der Buße. Die Szenen enthalten einige Brüche und abenteuerliche Zufälle. Martin Kušej tut wenig, diese zu »kitten«, sondern konzentriert sich auf die Stimmung des jeweiligen Bildes und deren Übersetzung.

Martin Zehetgruber hat hierfür wechselnden Bühnenbildern der Jetztzeit geschaffen. Neben dem bereits erwähnten Schock-Bild ist dies noch ein zweites: das Unter- und Kellergeschoß eines zerstörten Hauses aus der Vogelperspektive. Hier treffen Alvaro alias Hauptmann Don Federico Herreros und Carlos alias Adjutant Don Felice de Bornos zusammen, die von nun an gemeinsam im Heer kämpfen und zunächst Freunde werden. Es ist wieder eine Katastrophen-Dekoration, jetzt kommt die Detailverliebtheit von Martin Kušej und Martin Zehetgruber zum Ausdruck. Vieles gibt es im Düsteren zu entdecken (war da nicht Leonora? Eine Erscheinung? Ein immerwährender Gedanke Alvaros?). Meist sind es spielende oder trinkende Soldaten und kopulierende Paare. Das Spiel mit den Perspektiven (durch die Draufsicht steht die Grundfläche der Ruine aufrecht, was durch einen die Wand hinauf bzw. den Boden entlanggehenden Menschen verdeutlicht wird) wirkt da etwas beliebig und gewollt – es läßt sich eben vieles in diese Ebenen interpretieren, damit verliert die Idee aber auch an Schärfe. Alle anderen Szenenbilder dagegen zeigen immer nur eines: Leonoras Welt, diese allerdings in stetigen Wandlungen. So beginnt der Abend mit dem Nachtmahl der Familie di Vargas in einem holzgetäfelten Raum, welcher von Akt zu Akt immer wiederkehrt, doch jedesmal leicht verändert wird. Zunächst verschwinden die Vorhänge an Leonoras Fenster zum Altan, Lampen und Gummibaum tauchen auf, werden wieder weggelassen oder variieren. Der Wandel von Ort und Zeit gelingt – nicht die Verspieltheit der Kulisse, die handelnden Personen stehen im Vordergrund. Am Ende sind wir wieder in Leonoras Zimmer, nur daß das jetzt nicht mehr im Hause ihres Vaters, sondern in der Einsamkeit der Berge liegt, wo sie als Einsiedlerin lebt, bis sie von Alvaro und Carlos gefunden und von letzterem erstochen wird. Statt Wänden und Fenstern mit Tüllgardienen symbolisieren Kreuze den Charakter des Ortes.

Die Besetzung versprach nicht nur viel, sie hielt dies auch. Bis in die Nebenrollen hatte die Bayerische Staatsoper hier eine starke Sängerriege versammelt. Allen voran natürlich Anja Harteros – es ist IHR Abend! Betörend und voller Hingabe agiert ihre Leonora. (Ver-)Zweifelnd erfaßt sie, vielleicht als einzige, die Konflikte, denen sie am Ende nicht entkommen kann, schon zu Beginn. Im Moment, da Alvaro über den Balkon bei Ihr auftaucht, ist sie keinesfalls rückhaltlos bereit, mit ihm »durchzubrennen«. Alles für ihn hergeben, das ja, doch spielt der Vater eine beinahe gleichgroße Rolle für Leonora, sie erwägt deshalb, mit ihm zu sprechen und die Flucht aufzuschieben. Da ist ihre Kammerzofe (Heike Grötzinger) ein ganzes Stück zielbewußter und treibt zur Flucht eher an, als daß sie ein Nachdenken zuließe. Anja Harteros‘ Leonora, sucht und liebt bis zum Schluß – und ist deshalb zu Leid und am Ende zum Opfer verurteilt. Sind es wirklich die Sanftmütigen, die siegen werden?

Ähnlich standhaft wie Leonora ist ihr Bruder Carlos, jedoch paßt ihm die Erlöserrolle nicht, er ist der unerbittliche Rächer, der sich dieser Aufgabe bis in den Tode verpflichtet fühlt. Ludovic Tézier gibt den Carlos brillant, strahlend, nicht von seinem Ziel abzubringen und durch nichts zu erweichen. Das grenzt schon an Brutalität! Kraftvoll verkörpert er den Rächer, der nie aufgibt. Anders als diese Geschwister durchläuft Alvaro während der Zeit eine Entwicklung. Noch bei seinem ersten Auftritt in engen Jeans, Lederhemd (Kostüme: Heidi Hackl) und langen Haaren ist er ganz Macho und fordert laut Folgschaft, während Leonora bittet und fleht (und nachgibt). Doch ändert sich sein Auftreten im Angesicht des Verlustes. Nun erst wird deutlich, wie sehr er Alvaro Leonora liebt und vermißt. Jonas Kaufmann verleiht ihm den inneren Antrieb des Liebenden, der nicht vergißt, auch dann nicht, als er Leonora tod glaubt. Seine stimmliche Palette reicht vom kernigen, kraftvollen (Schicksals-)Herausforderer über den leidenschaftlichen Liebhaber, aber auch den hingebungsvollen, verzweifelten Liebenden bis zum entsagenden, der Welt und der Gewalt – der Schicksalsherausforderung – abschwörenden geläuterten Menschen. Diese Gefühlsumschwünge (in wenigen Stunden!) verursachen Gänsehaut!

Und auch in den kleinen und großen Nebenrollen strahlen wunderbare Stimmen, sei es Vitalij Kowaljow als Patriarch, der alles »zum Besten« ordnet und bestimmt und keinen Widerspruch zuläßt. Gnadenlos auch er, verflucht er doch seine Tochter noch im Angesicht des Todes! Ganz anders Padre Guardiano, den Vitalij Kowaljow an diesem Abend gleichfalls darstellt. Überlegt, mit sonorem Timbre, ist er beschwichtigend, gütig, bedenkend als geistlicher Vater quasi der »Gegenentwurf« zum leiblichen. Nadia Krasteva gelingt als Zigeunerin Preziosilla jeder Auftritt furios, ihr »Rataplan, Rataplan, Rataplan…« peitscht nicht nur die Soldaten auf, in ihm schwingt bereits das Unheil der kommenden Katastrophen mit.

»La forza del destino« an der Bayerischen Staatsoper beeindruckt mit einer starken (und streitbaren) Inszenierung und musikalischer Erstklassigkeit. So müssen Opernfestspiele sein!

Wolfram Quellmalz

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