»Simon Boccanegra« in der Inszenierung von Jan Philipp Gloger an der Semperoper

Beinahe könnte man meinen, »Simon Boccanegra« wäre eine ungeliebte Oper, so wenig wird sie gespielt. Zumindest, wenn man die Aufführungshäufigkeit in Betracht und einen Vergleich zu Meisterwerken wie »Rigoletto« oder »Don Carlo« zieht. Doch feiert das Werk nun scheinbar eine kleine Renaissance. Auch die Semperoper Dresden hat »Simon Boccanegra« in dieser Spielzeit auf den Plan gesetzt.

Christian Thielemann hatte die ersten drei Vorstellungen im Juni geleitet und dann an Paolo Arrivabeni den Stab übergeben (bevor ihn Pier Giorgio Morandi 2015 übernehmen wird). Ihm gelingt eine musikalisch hinreißende Darbietung, die vom ersten Ton an überzeugt. Dicht, düster, lebendig, vibrierend – Arrivabeni hat die Staatskapelle bestens im Griff, steuert umsichtig durch den Abend, bestens unterstützt von einem hervorragenden Chor und großartigen Sängern.

Jan Philipp Glogers Inszenierung in einem verschachtelten Bühnenbild von Christoph Hetzer kann da, weder was die Dichte des Erzählflusses, noch was die Ausschmückung angeht, überzeugen, auch wenn sein Konzept ambitioniert scheint.

In den Mittelpunkt seiner Inszenierung stellt Gloger die Allgegenwärtigkeit einer (latenten) Gewalt. Der Zusammenhang von Ordnung, Zwang, Chaos und Gewalt steht auch im Zentrum des lesenswerten Programmheftes. Und so beginnt die Vorstellung schon, während die Zuschauer noch den Saal betreten. Das Bühnenbild, ein aus ineinandergeschobenen Quadern bestehender Funktionsbau mit Fenstern, Terrassen, Treppen und Absätzen, der während des ganzen Abends je nach Szene gedreht wird, ist zunächst hinter einem halbdurchsichtigen Gazevorhang verborgen, so daß die gezeigten Bilder wie Kinoprojektionen erscheinen. Eine Familie – später wissen wir, es waren Simon Boccanegra, Maria und beider Tochter – sitzt hier beim Abendbrot. Grautöne beherrschen das Bild, die Szene wiederholt sich mehrfach, die Bewegungen sind mechanisch. Lebensfreude vermittelt hier niemand. Dann setzt die Ouvertüre ein, wehmütig, erinnernd, noch voller Hoffnung. Zunächst scheinen die Stimmungen von Musik und Bühne übereinzustimmen, doch kommt Gloger vom Konzept der Rückblicke und Verweise nicht los. Jedes Mal, wenn die Vergangenheit besungen wird, tauchen die damals handelnden Personen (Amelias Mutter, Gabrieles Vater und viele mehr) wie Hologramme auf Nebenplätzen auf, wortlos, mahnend. Anfangs läßt sich das noch ausblenden, denn die gelungenen Bühnenaufteilung (Handlungszentrum, Erinnerungsebene und Nebenschauplatz) erlaubt die Konzentration auf einen Handlungsstrang, doch stört dieses Erklären und Erinnern mehr und mehr, lenkt ab. Wozu dies, wo doch Musik und Text hervorragend vermitteln? Statt dessen scheint die ganze Inszenierung gebremst, sind die Ablenkungen oft stärker als die im Zentrum stehende Szene, und auch das Drehbühnenkonzept geht nicht immer auf. Manchmal steht die Handlung und die Musik muß pausieren, weil sich die bei offenem Vorhang und Saallicht noch etwas bewegt. Irgendwie wirkt das ganze fad‘, es fehlt etwas verbindliches, der »Pfiff«. Dabei sind alle Ansatzpunkte vorhanden. Die Kostüme (Karin Jud) sind gelungen, die Schauplätze der Bühne bieten vielgestaltig unterschiedliche Orte und Zeiten. Das dominierende Grau wird hier und da aufgelockert, wirkt düster, schafft aber einen starken Kontrast zum Inneren des Dogenpalastes. Dort blättert die Farbe (eher Blut denn Purpur) von den Wänden, was wohl zeigt, wie brüchig die Dogenmacht ist.

Hier sitzt Simon Boccanegra. Einst ließ er, der Korsar, sich küren, nicht aus Machtwillen, sondern weil ihm die Position in den Stand hätte versetzen können, endlich Maria, die Tochter Jacopo Fiescos, zu heiraten. Doch im Augenblick der geglückten Wahl ist Maria gestorben. Die gemeinsame Tochter wächst zunächst bei einer alten Frau auf, wird später entführt und kommt als Weise unerkannt in Fiescos Palast.

Fünfundzwanzig Jahre später erst soll sich all dies entwirren, wenn Amelia Simon Boccanegra ihre Geschichte erzählt und dieser in ihr seine Tochter erkennt, wenn sich Fiesco und Boccanegra schließlich versöhnen und vergeben. Doch bleiben Ausweg und gutes Ende verbaut oder zumindest getrübt, denn Gewalt und Machtkämpfe ringsum sind allgegenwärtig. So wird Simon Boccanegra von einem einstigen Verbündeten (der ihm zur Wahl verhalf) und späteren Widersacher Paolo vergiftet. Gloger greift auch hier den Gedanken der Unentrinnbarkeit vor der Gewalt auf und läßt – im Gegensatz zum ursprünglichen Libretto – die Parteien zum Schluß bewaffnet Aufstellung nehmen, bereit zur nächsten Auseinandersetzung. Denn eigentlich sollen Amelia und Gabriele Adorno wie gewünscht vermählt und Gabriele auf Wunsch des sterbenden Boccanegra auch neuer Doge werden. Ein Akt, nicht der Machterhaltung, sondern auch der Wahrung des Friedens und der Stabilität. Jan Philipp Gloger setzt diesen Schluß außer Kraft, was über die Schwächen im Verlauf aber leider nicht hinwegtäuscht.

So sind die bleibenden Erinnerungen des Opernbesuchers auf der musikalischen Seite zu suchen – und werden überreich gefunden! Denn Staatskapelle und Opernchor unterstreichen ein weiteres Mal ihre Erstklassigkeit. Eine hervorragende Vorbereitung und eine ebensolche Aufführung gehen hier Hand in Hand – eine sichere Basis für das wunderbare, erlebenswerte Stück. Begeistern können auch bis in die kleineren Rollen die Solisten: Zeljko Lucic als nachdenklicher, sehnsüchtiger Simon Boccanegra, dessen warmes Timbre den Versöhner und Bewahrer überzeugend unterstreicht. Kwangchul Youn gibt einen erhabenen Jacopo Fiesco, machtvoll, kraftvoll, aber auch liebevoll und zur Versöhnung bereit. Markus Marquardt gelingt die Figur des Paolo – erst Freund und Verbündeter, dann erbitterter Feind – stark. Kraftvoll, unerbittlich, ein unbeugsamer Rächer!

Besonders erwartet wurde natürlich von dem einen oder anderen der erste Gastauftritt Ramón Vargas‘ am Haus als Gabriele Adorno. Vargas verleiht ihm eine bebende, alles gebende Lebendigkeit. Seine Verzweiflung ist praktisch greifbar, daß der alles für Amelia tun würde, nimmt man ihm ab! Amelia wiederum, die Erlösungsfigur, die einzige, die nicht an Machtspielen und Ränken beteiligt, sondern deren Opfer ist, ein Engel, kein rächender, ein versöhnender, wird an diesem Abend von Barbara Haveman glanzvoll gegeben, die kurzfristig für die erkrankte Maria Agresta eingesprungen ist. Sie erfüllt diese Rolle prächtig und kraftvoll – diese Erlöserin ist keine Zweitbesetzung!

Großer Applaus daher vor allem für das junge Paar, das sämtliches im Stück enthaltenes Glück verkörpert, für Zeljko Lucic, aber auch für den großartigen Dirigenten.

Wolfram Quellmalz

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Veröffentlicht in Oper

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