Gewandhauskonzert: Brahms spielt Mozart

Die zurückhaltende bis ablehnende Aufnahme seines ersten Klavierkonzertes hat Johannes Brahms den Leipzigern offenbar nicht übelgenommen, denn Ende Mai reiste er wieder an, diesmal zur Aufführung seiner zweiten Serenade. Nebenbei spielte er selbst Mozart.

Ganz anders als die sinfonisch angeregte erste Serenade (in der Woche zuvor im Großen Concert) handelt es sich bei Brahms‘ zweiter um kein »Zwitterwerk«. Was den Komponisten freilich nicht davon abgehalten hat, mit den traditionellen Formen zu spielen und dem Stück einen eigenen, unvergleichlichen Charakter aufzuprägen. So gibt Brahms – von Mozart kommend – den Bläsern einige Streicher zur Seite, jedoch nur die dunklen, tieferen, keine Violinen (!). Einen düsteren, getragenen Charakter der Serenade zu vermuten, läge da nahe, jedoch trifft gerade das Gegenteil zu. Brahms gibt ihr aber etwas Ruhe, Beruhigung auf den Weg. So beginnt der erste Satz denn auch wie eine »Harmoniemusik«. Lebhaft, fröhlich, heiter, versonnen, so gestaltet sich das gesamte Werk, dem man anmerkt, daß sein Autor zur Zeit, da er es niederschrieb, bestens aufgelegt gewesen sein muß. So schleicht sich auch keine Trübung in die Serenade und selbst das im Zentrum stehende Adagio unterbricht den frohgemuten Charakter nicht. Die Bläser sorgen für Belebung (und tragen das Stück über einige Passagen auch allein), die Streicher geben Grundierung, Bodenhaftung und Harmonie – durchdacht und ausgewogen ist die Serenade allemal. Riccardo Chailly verlieh ihr Lebensmut und gelangte flott zur frühen Pause, ohne dabei den Eindruck einer Übereiltheit oder gar Hast aufkommen zu lassen. Mit Präzision ließ er dem Werk eine Größe angedeihen, die es über eine einfache Unterhaltungsmusik weit hinaushob – und auch die kammermusikalische Besetzung (ein weiterer Unterschied zur 1. Serenade) wurde dem Anlaß eines Großen Concertes vollkommen gerecht.

Gleich nach der Pause und mit deutlich größerem Orchesterapparat kam dann Mozart angestürmt, dessen Idomeneo-Ouvertüre (Konzertschluß von Carl Reinecke) den zweiten Teil des Abends eröffnete. Chailly peitsche sein Publikum regelrecht auf, das nun dasaß und gespannt der Fortsetzung harrte.

Und dann kam – Johannes Brahms. Ja, ich habe zweimal hingesehen, aber er war es leibhaftig. (Da hatte sich im Programmheft, welches als Pianisten einen gewissen Radu Lupu auswies, offenbar ein Fehler eingeschlichen.) Das sah ihm ähnlich! Wahrscheinlich in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, 6:55 Uhr ab Pörtschach, Umstieg jeweils in Salzburg und München, wo er sicher heißen Kaffee in Mengen getrunken haben dürfte, und pünktlich 18:42 Uhr in Leipzig. Brahms also spielte Mozarts letztes Klavierkonzert in B-Dur (KV 595). Da führen die Streicher sanft in ein Thema ein, beginnen aber schon bald, die Bläser zu necken, die ihrerseits eigene Ideen einwerfen, die Oboe plaudert, das Fagott mahnt, und dann mischt sich auch noch das Klavier hinein. Doch entsteht hier kein Tohuwabohu, denn unter den kundigen Händen von Chailly und Lupu – ich meine Brahms – bleibt es ein leises, aber heiteres Werk. Und wenn man das Leise versteht und damit umzugehen weiß, dann gewinnt man – wie so oft – an Farben hinzu, entdeckt all die Motive, über die eine Fanfare vielleicht hinweggeblasen hätte. Im zweiten Satz dann sind jedoch alle Neckereien zu Ende. Radu Lupu – Johannes Brahms, meine ich – erzählt in sanftem Plauderton, wie er auch dem Andante cantabile der Sonate KV 330 (hier in C-Dur) innewohnt, singt mit und dirigiert dabei (mit links), um den innigen Kontakt mit seinen kammermusikalischen Partnern noch mehr zu vertiefen. Lange habe ich Lupu – Brahms – nicht mehr so gelöst erlebt!

Schade nur, daß Radu Lupu – ich meine Johannes Brahms – nach dem mit Leichtigkeit beschwingten Finale keine Zugabe mehr gegeben hat. Aber vielleicht wollte er noch schnell ein Nachtmahl einnehmen, bevor er zum Zug 22:35 Uhr eilte, der ihn zurück nach Pörtschach brachte. Um 4:43 Uhr wieder Mannheim, eineinhalb Stunden Aufenthalt, Kaffee… Ob er, der »Sommerkomponist« dabei an einer dritten Serenade gearbeitet hat? Wäre doch schön, wenn er die das nächste Mal mit nach Leipzig brächte, der Radu Lupu – ich meine Johannes Brahms.

Wolfram Quellmalz

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