Der doppelte Don Juan oder: die Frau im Schuhschrank

Konzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden am 1. April in der Semperoper

Unter der Leitung von Christoph Eschenbach erklangen Werke von Mozart, Strauss und Rihm, Solist war Gautier Capuҫon (Cello)

Christoph Eschenbach zählt lange zu den beständigen und wachen Gästen, welche die Staatskapelle offenbar auch gerne an ihrem Pult begrüßt und der hier auch schon kurzfristig für verhinderte Kollegen eingesprungen ist. In seinen Programmen kombiniert er gekonnt Stücke aus dem Kernrepertoire der Kapelle mit neuen und fördert auch besonders junge Solisten. In den letzten Jahren war er (auch als Pianist) zum Beispiel mit Werken von Bartók, Schnittke, Staud und Mozart zu erleben, musizierte gemeinsam mit Leonard Elschenbroich, David Aaron Carpenter und Gidon Kremer. Diesmal nun sind es Mozart, Strauss und der Capell-Compositeur Wolfgang Rihm gewesen, als Solist war Gautier Capuҫon angereist.

Mit Mozart ging die Sonne auf, mit Strauss ging sie später unter, doch dazwischen lagen über zwei Stunden voller verwegener Musik. Mozarts »Don Giovanni«-Ouvertüre (mit Ferruccio Busonis Konzertschluß) entführte das Publikum gleich in eine aufregende und heißblütige Welt, impulsiv gab sich dieser Don Juan, herausfordernd und übermütig, vielleicht ein wenig selbstgefällig (ja wie denn auch, immerhin hat er den toten Komtur herausfordert!). DER hatte das Maß übervoll gemacht – Christoph Eschenbach und das Orchester zum Glück nicht. Sie gingen den Abend energiegeladen, stürmisch an, hatte für Feinheiten und zarte Zwischenrufe aber genug Aufmerksamkeit, so daß auch der Zwist der beiden Donnas nicht im aufgewirbelten Staub unterging – Aufregung, oder eben das pure Leben.

Mozarts »Don Giovanni« stellt Strauss mit seiner »Don Quixote«-Vertonung einen ganz anderen Helden gegenüber. Dieser ist gewitzt, schlitzohrig, heiter, tragisch, nie ganz ernst, seltsam. Und vor allem ist das ganze Werk bis ins letzte Detail bildhaft, ein ganzes Bilder(hör)buch wurde hier vor dem Konzertbesucher aufgeblättert. Unter Eschenbachs kundigen Händen formte die Staatskapelle das Programm der Tondichtung geradezu plastisch, fühlte man sich ganz nah am Geschehen, den Scharmützeln des Ritters von der traurigen Gestalt. Und mittendrinnen, als Protagonisten des Geschehens, waren der Solist des Abends und die Stimmführer der Staatskapelle. Gautier Capuҫon, ein Kammermusiker mit Leib und Seele und auch dem Dresdner Publikum wohlbekannt, hatte geraume Zeit bis zu seinem ersten Solo, die er aber nutzte, sich mit seinen Partnern Yuki Manuela Janke (Violine) und Michael Neuhaus (Viola) einzustimmen. Als intimes Trio oder Duo bildeten sie eine Einheit innerhalb des Kapellenzirkels. Auch wenn die exponiertesten Soli des Stückes dem Cello zufallen, so lassen sich die drei Stimmen nicht wirklich wichten. Und so hatte auch die Konzertmeisterin die ersten »Worte« zusagen und ließ ihre Violine (auf die Gautier Capuҫon sein Atmen einzustellen schien) wispern, bevor dann zunächst die Viola die erste ausgeprägte Solopassage für sich in Anspruch nahm. Michael Neuhaus ließ sie gediegen und edel erklingen, bevor dann Yuki Manuela Janke als Heidelerche über das Orchester stieg. Nach diesem »Vorspiel« trat auch der Gast des Abends solistisch hervor, mit allem spanischen (bzw. französischen) Temperament. Ständig war er im Austausch, nicht nur mit Christoph Eschenbach, sondern vor allem mit seinen Solopartnern. Ob im Kampfgetümmel, beim Ritt durch die Luft oder beim verträumten Schreiten, immer waren sie aufeinander bezogen, und so geriet auch ein schwärmerisches Duett zwischen Cello und Oboe (Celine Moinet) bis in die Haarspitzen aufregend. Was natürlich den tragischen Schluß des Stückes nicht verhindern konnte, mit dem der erste Konzertteil sein Ende fand. Seine Blumen übergab Gautier Capuҫon übrigens an die Solooboistin der Staatskapelle und überließ währenddessen sein wertvolles Cello kurzerhand dem überraschten Dirigenten. Norbert Anger sprang hier ein, er hat Erfahrung mit solchen Instrumenten, er spielt zur Zeit ein Cello von Andrea Guarneri, welches ihm die Dr.-Meyer-Struckmann-Stiftung zur Verfügung stellt.

Das tolle ist, daß sich diese Innigkeit und Einigkeit während des langen Abends nicht verbrauchte. Und so konnte man zum Schluß noch einmal Don Giovanni, nun aber als »Don Juan« und wiederum von Richard Strauss, erleben. Hier war er ein strahlender, auftrumpfender Held, viel sanfter als bei Mozart, auch wenn Eschenbach den ganzen Orchesterapparat aufbrausen läßt. Umwerfend waren noch einmal die Soli von Violine und Bläsern.

Doch war dies längst nicht alles, denn eingebettet zwischen diese wandlungsfähigen »Dons« stand in der Mitte Wolfgang Rihms einst für Riccardo Chailly und das Gewandhausorchester geschriebene Musik für Orchester »Verwandlung 2«, mit der die Konzerthälfte nach der Pause begonnen wurde. Wolfgang Rihm hat sich schon mehrfach in der Hinsicht geäußert, daß er nicht (zu) viel von Theorie halte, also davon, ein theoretisches Programm, eine geometrische oder architektonische Struktur zu schaffen. In »Verwandlung 2« entwickelt er kurze Motive, die jedoch abgebrochen, umgebrochen und verwandelt werden. Was sich so theoretisch und trocken anhört, klingt spannend und aufregend und vermag auch über einen längeren Zeitraum zu begeistern. Während bei anderen Werken nach einer Weile der Effekt des Neuen wegfällt und sie sich schwertun, die Aufmerksamkeit des Hörers zu bannen, gelingt Rihm eine ständige und stetige Wandlung, ein Wiederaufgreifen und Entwickeln. Das Werk fängt mit einem Erwachen des Orchesters an, in das sich fremde Klänge (gestopfte Bläser) mischen und Unruhe zu verbreiten scheinen. Doch bricht diese Entwicklung ab, führt alle in einem Ruhepunkt zusammen, an den sich ein Violinsolo anschließt. Aber auch dieses wird nicht bis zum Ende ausgeführt. Und so geht es weiter: etwas wird aufgebaut, beginnt sich zu entwickeln, aber sobald es soweit ist, daß es selbständiger musikalischer Gedanke werden könnte, wird es verdrängt, von einer anderen musikalischen Idee. Es ist ein wenig, als würde man »Wenn ein Reisender in einer Winternacht« von Italo Calvino lesen: in dem Moment, wenn es spannend wird, beginnt eine vollkommen andere Geschichte und erst über einen längeren Zeitraum bzw. eine Entwicklung wird der Zusammenhang klar. Stufenweise geht es auf- und abwärts, wobei den Streichern eine stabilisierende Rolle zukommt, um die herum sich alles entwickelt und wandelt.

Auf der Suche nach einem alternativen Titel für das Werk einigte ich mich mit meiner Begleiterin auf »Die Frau im Schuhschrank«. Sie (die Frau) steht in einem Berg wundervoller Schuhe und beginnt, sich ein Paar für den Tag (oder den Abend) auszuwählen. Und immer, wenn sie einen wundervollen Schuh in der Hand hält, welcher der passende sein könnte, entdeckt sie einen anderen, legt den eben noch favorisierten beiseite und nimmt den anderen Schuh…

Wolfram Quellmalz

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Ein Kommentar zu „Der doppelte Don Juan oder: die Frau im Schuhschrank

  1. Mir war es vergönnt, an diesem Abend neben dem Verfasser zu sitzen und nicht nur der Musik zu lauschen, sondern auch bei seinen Recherchearbeiten sozusagen über die Schulter zu schauen. Es ist faszienierend, mit welcher Leichtigkeit er diesen musikalischen Abend in Worte fasst und doch gleichzeitig seine Leidenschaft nicht verhehlt.
    Es verneigt sich vor dem Autor
    Miss Sonnenschein

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